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Bundesrepublik im Rückblick : Die Merkwürdigkeiten dieses Landes

Wie in einem Film noir: Das könnte die Tankstelle sein, in der Adorno nach seiner Wiederkehr aus dem amerikanischen Exil den Tankwart wiedererkennt. Bild: akg-images

Darf man Zeitzeugen glauben, die auf ihre Jugend zurückblicken? Der Historiker Philipp Felsch und der Buchpreisträger Frank Witzel führen in „BRD Noir“ ein Jungsgespräch über die alte Bundesrepublik.

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          Die Leute lügen über nichts mehr als über Sex, über ihre Niederlagen und über ihre Jugend. Mitunter ist das ein und dasselbe, dann schweigen sie eher, als dass sie lügen. Aber wenn sie öffentlich ihre Biographien erzählen, gibt es jedenfalls viele Gründe, das nicht für die ganze Geschichte zu halten. Nostalgie ist dabei nur eine der beliebten Formen, nicht bei der Wahrheit zu bleiben. Es gibt auch die umgekehrte: Alles war furchtbar, eng, spießig, und das eigene Leben ging ganz im Versuch auf, wegzukommen von dort, wo man hingeboren worden war. Das subjektive Befinden wird in die Umwelt hineinprojiziert, bis zwischen dem eigenen Gestimmtsein damals und der Stimmung gar nicht mehr unterschieden wird.

          Oder sie haben viel gelesen über die Zeit ihrer Jugend; oft schon während der Jugend selbst, weil die Kultur ja gerade den Jugendlichen ständig Deutungen anbietet, wer und wie sie sind. Später finden sie dann in der Erinnerung alles wieder, was sie aus den Zeitungen, den Popsongs oder aus dem Kino haben. Wahlweise waren dann beispielsweise die fünfziger oder die siebziger Jahre im Westen Deutschlands eine „bleierne Zeit“, obwohl ganz schwer zu bilanzieren ist, was damals zugedeckt wurde und was gerade aufging und wie es kommt, dass bei vielen, die Hölderlin zitierten und sich als Fremdlinge im eigenen Land vorkamen, es gleichzeitig ganz ordentlich voranging mit den Karrieren. Oder wieder eine andere Art, etwas aus der Vergangenheit zu machen: Jahrgänge empfinden sich plötzlich als Generationen, und zwar pünktlich, wenn ihre Jugend vorüber ist, und arbeiten dann sehr daran, sie mit derjenigen der Altersgenossen abzugleichen. Weißt du noch, ja genau, und dann kam ja . . .

          Provinz ohne Selbstverständnis

          Es hat also seinen Sinn, wenn viele Historiker abwarten, bevor sie sich einer Zeit zuwenden, bis die Zeitzeugen das Feld geräumt haben. Was der Historiker Philipp Felsch (Jahrgang 1971) und der Schriftsteller Frank Witzel (Jahrgang 1955) in „BRD Noir“ versuchen, wäre aber nur unzureichend als Dokumentation von Zeitzeugenschaft beschrieben. Zwei Essays zur „alten Bundesrepublik“, die den Band ein- und ausleiten, rahmen ein fast einhundertfünfzig Seiten langes Gespräch über zwei Jugenden im Westen Deutschlands. Diejenige des älteren wurde in den Sechzigern in Wiesbaden verbracht, die des Jüngeren im Göttingen der Achtziger. Die eine stand unter dem Eindruck der Folgen von 1968, in der anderen war der ideologische Rauch längst verzogen und die „alte Bundesrepublik“ überreif. In der einen wurde Doppelripp getragen und Adorno gelesen, in der anderen Feinripp, und Adorno war ein Klassiker. Beide Male Provinz, nicht nur weil Deutschland ohnehin überwiegend aus Provinz besteht. Die Provinz, der hierzulande, wie es im Gespräch einmal heißt, das Selbstverständnis fehlt, passt zu Aufwachsenden, die auch noch keines haben. Überdies ist Provinzialität tatsächlich ein altersabhängiger Umstand, wenn Jugendliche, die im Vorort wohnen, gar kein Bedürfnis haben, den Bus in die Stadtmitte zu nehmen. Sie sind mit anderem als Urbanität oder Weltläufigkeit beschäftigt.

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