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Büchnerpreis für Elke Erb : Ein Star unter Leuten, die Lyrik lesen

  • -Aktualisiert am

Elke Erb Bild: dpa

Im 30. Jahr der Einheit erhält die schon als freie Schriftstellerin in der DDR erfolgreiche Lyrikerin Elke Erb den Büchnerpreis. Das ist mehr als ein Symbol.

          3 Min.

          „Irgendwo hier, hinter diesen Fassaden, wurden die guten Gedichte geschrieben“: So denkt der Protagonist aus Lutz Seilers Roman „Stern 111“, als er durch den Prenzlauer Berg läuft. Es ist der Winter 1990, und dieser Carl ist, inmitten des historischen Umbruchs, vor allem mit einem beschäftigt: Dichter zu werden. Er eifert Vorbildern nach, und einmal zitiert er das für seine poetische Pilgerschaft zentrale Gedicht: „Im Treppenhaus Kastanienallee 30 nachmittags / um halb fünf roch es flüchtig / nach toten selbstvergessenen Mäusen.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Gedicht stammt von Elke Erb, und Seilers literarische Hommage mag belegen, dass die 1938 im Rheinland Geborene, in Halle an der Saale Aufgewachsene und seit 1966 als freie Schriftstellerin in der DDR Tätige schon damals ein Star war (zumindest unter Leuten, die Lyrik lesen). Das Gedicht „Kastanienallee, bewohnt“ datiert auf den 1. Januar 1981. Zu dieser Zeit traf sich Elke Erb im Literarischen Salon von Ekkehard Maaß mit dissidentischen Künstlern, während ihr früherer Ehemann Adolf Endler, von dem sie gerade geschieden worden war, am „Tarzan vom Prenzlauer Berg“ dichtete. Mit dem später als Stasi-Spitzel entlarvten Sascha Anderson gab Erb 1984 bei Kiepenheuer & Witsch eine Anthologie west-östlicher deutscher Lyrik heraus.

          Spielerisch witzig

          Um aber noch kurz bei den drei einflussreichen Zeilen zu verweilen: tote, selbstvergessene Mäuse, kurz vor fünf Uhr nachmittags? Sagt das auch schon viel über eine Spätzeit-Stimmung der Dichterin und ihrer Szene? Literaturgeschichtlich hörend, könnte man meinen, da träfen sich Lorca und Benn mit dem Surrealismus. Erbs Gedichte sind vieldeutig, und sie haben viele inspiriert, darunter auch die russische Autorin Olga Martynova, die früher von Elke Erb übersetzt wurde, bevor sie selbst auf Deutsch schrieb. Erb bietet Resonanzräume der Tradition („Volkslied“), und sie kann auch spielerisch witzig sein, Dada aufnehmend, wenn eine Zeile auslautet: „Abschreibung bung bung.“

          Ihre Gedichte sind oft kommentarbedürftig, und damit ist man beim wichtigsten Wesenszug von Elke Erbs Schreiben: Das Kommentieren hat sie nämlich gleich selbst übernommen, es ist untrennbarer Teil ihrer Lyrik geworden. In der „Frankfurter Anthologie“ dieser Zeitung zeigt sich das etwa bei dem Gedicht „Ordne etwas“ nebst Kommentar („Fragen an einen sitzenden Dichter“), in dem Erb in ein lyrisches Selbstgespräch eintritt: „Sonnenbeschienen. Was an dieser Wendung ist falsch. Erörtere. Dieser Vers ist pur ironisch. Mit der Ratlosigkeit, die er erzeugt.“ Die poetologische Lyrik – jüngst noch einmal geronnen im Band „Gedichtverdacht“ (2019) – ist durch Erb vom Rand in die Mitte heutiger dichterischer Produktion gerückt, und man übertreibt nicht, wenn man sagt, sie habe dafür auch schon so ziemlich alle relevanten Literaturpreise gewonnen.

          Einen aber hatte sie noch nicht: den Georg-Büchner-Preis. Das hat sich geändert mit der gestrigen Mitteilung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die Erb nun auszeichnet für ein in der DDR begonnenes Lebenswerk, das sich „unbeirrt bis in die Gegenwart fortsetzt“, und für ein Schreiben, dem „die Sprache zugleich Mittel und Gegenstand der Untersuchung ist“. Erb habe mehrere Generationen von Dichtern in Ost und West geprägt. Dass sie dafür den wichtigsten deutschen Literaturpreis erhält, scheint überaus folgerichtig, man könnte allenfalls kritisieren, dass sie ihn erst jetzt erhält, da – so Helmut Böttiger im Deutschlandfunk – ihr akademisch-linguistisches Dichten zum Mainstream der Lyrik geworden sei.

          Diese Auszeichnung ist aber nicht nur für sich bedeutsam, sondern weil sie in diesem Jahr einen interessanten Dreiklang vollendet: Der Preis der Leipziger Buchmesse im März ging an Lutz Seiler für seinen besagten Roman über das Wendejahr; unlängst gewann Helga Schubert den Bachmannpreis, vierzig Jahre nachdem sie dort schon einmal eingeladen war, aber auf Geheiß des Schriftstellerverbandes der DDR nicht hindurfte, und nun eben Erb den Büchnerpreis, alles im dreißigsten Jahr der deutschen Einheit: Es wird kein Zufall sein, dass hier symbolisch ein Thema hervorgehoben und durch die Herkunft und Geschichte der Preisträger auch symbolisch gezeigt wird, dass Schriftsteller mit ostdeutscher Biographie zum Mainstream einer gesamtdeutschen Literatur gehören.

          Kritiker, die in solcher Diversität nichts Besonderes mehr sehen und sich auch bei Literaturpreisen statt ihrer mehr ethnische oder geschlechtliche wünschen, sind unserer Zeit offenbar sehr weit voraus. Denn wie erklärte sich sonst, dass viele Bücher von Elke Erb vergriffen sind? Das wird sich durch den Büchnerpreis hoffentlich ändern.

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