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Architektur : Ein sachlicher Blick auf die Welt

Zur rechten Zeit am rechten Ort, um den sozialen Wohnungsbau neu zu definieren: Margarete Lihotzky, gezeichnet von Lino Salini , 1927. Bild: dpa

Sie stehen für eine Reformarchitektur, die die Gemeinschaft im Blick hatte: Margarete Schütte-Lihotzky und Wilhelm Schütte. Wer Lesestoff von und über die beiden sucht, findet hier eine Auswahl.

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          Margarete Schütte-Lihotzky ist längst zur Identifikationsfigur unter den deutschsprachigen Architektinnen geworden. Die Verehrung kommt nicht von ungefähr. Was für eine faszinierende Frau: begabt, lebenslustig, mutig, selbstbewusst, weltläufig, engagiert. In vielerlei Hinsicht hat Schütte-Lihotzky den modernen neuen Menschen verkörpert, der den Reformbewegten der zwanziger Jahre als Idealbild vor Augen stand.

          Matthias Alexander
          Redakteur im Feuilleton.

          Die 1897 in Wien geborene Tochter aus bürgerlichem Haus war mehrfach zur rechten Zeit an dem Ort, an dem Wegweisendes gestaltet wurde: Sie hat nach dem Ersten Weltkrieg als gerade examinierte Architektin gemeinsam mit Großen ihrer Zunft in ihrer Heimatstadt den sozialen Wohnungsbau neu definiert, hat für das Neue Frankfurt unter Ernst May den seriellen Hausbau vorangetrieben und anschließend von 1930 an sieben Jahre lang in der Sowjetunion am Aufbauversuch einer sozialistischen Gesellschaft mitgearbeitet. Nie stand sie dabei in der ersten Reihe, immer war sie aber mehr als eine Randfigur. Dass von ihr keine bedeutenden Gebäude überliefert sind, ist auch auf ihr Selbstverständnis zurückzuführen. Es ging ihr darum, im Team preiswerte Standardlösungen zu finden.

          Etwa die Ruhm bringende Frankfurter Küche

          Als Widerstandskämpferin gegen die Nazis hat Schütte-Lihotzky vier Jahre lang im Gefängnis gesessen. In der Nachkriegszeit als Architektin in Wien auch wegen ihrer kommunistischen Parteizugehörigkeit unterbeschäftigt, wurde sie zu einer wichtigen Figur in der österreichischen Frauen- und Friedensbewegung. Als sich die innenpolitischen Fronten mit dem Ende des Ost-West-Konflikts zu lockern begannen, genoss sie in hohem Alter schließlich doch noch eine Art Nachruhm zu Lebzeiten, gekrönt von der großen Ausstellung, die das Wiener Museum für angewandte Kunst 1993 ihrem Werk widmete. Nach ihrem Tod im Alter von 102 Jahren bekam sie ein Ehrengrab in ihrer Heimatstadt.

          Margarete Schütte-Lihotzky:„Warum ich Architektin wurde“. Bild: F.A.Z.

          Von dieser Jahrhundertfrau müsste doch interessant zu erzählen sein, denkt man sich. Und es ist auch nicht so, dass sich die reich bebilderte und ansprechend gestaltete Biographie der Publizistin Mona Horncastle langweilig läse. Die wichtigsten Lebensstationen werden zuverlässig abgeschritten. Kleinere Fehler – der Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann war kein liberaler Sozialdemokrat, sondern ein Liberaler mit sozialer Ader, und die Frankfurter Altstadt ist im Ersten Weltkrieg keineswegs stark zerstört worden – fallen kaum ins Gewicht.

          Gravierender ist ein anderes Manko: Schütte-Lihotzky wird als Person nicht recht lebendig. Was offenkundig auch mit dem Bild zu tun hat, das die Architektin in ihren autobiographischen Schriften und in den übrigen Selbstzeugnissen von der eigenen Person entworfen hat. Die Lektüre ihrer Erinnerungen an Jugend, Studium und berufliche Anfänge bis zum Jahr 1930, die unter dem Titel „Warum ich Architektin wurde“ erschienen sind, zeugt von einem sehr sachlichen Blick auf die Welt. Diese Frau formuliert, wie sie entwirft: schnörkellos. Berichtenswert sind für Schütte-Lihotzky Begegnungen mit bedeutenden Architekten, die sie beeinflusst haben, und die detaillierte Schilderung der eigenen Arbeit, darunter auch die systematische Art und Weise, mit der sie etwa die Ruhm bringende Frankfurter Küche als Vorläuferin der Einbauküche entworfen hat.

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