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Bücher über Fußball : Mit den Füßen denken

Das Objekt der Begierde, um das sich alles dreht. Bild: www.plainpicture.com

Es geht um die Liebe zwischen einem Mann und einem Ball - was den Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint und den Philosophen Gunter Gebauer so am Fußball fasziniert

          6 Min.

          Der Zweifel gehört ja seit Gründerzeiten zum Repertoire des Philosophen und manchmal auch des Künstlers. Und doch ist es seltsam, dass im Jahr 2016 ein Philosoph und ein Schriftsteller derart an ihrem Gegenstand zu zweifeln scheinen. Denn anders ist es kaum zu erklären, wie beharrlich Gunter Gebauer und Jean-Philippe Toussaint nach einer Legitimation suchen, um über Fußball zu schreiben, als ginge es hier um ein „guilty pleasure“.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gebauer fragt, ob Fußball überhaupt ein philosophischer Gegenstand sei und womöglich „eine Art des Denkens“. Toussaint fürchtet sogar, keine Leser zu finden, weil sein Buch den Fußballinteressierten zu intellektuell sei und Intellektuelle sich nicht für Fußball interessierten.

          Seltsam ist das, weil der Fußball in den letzten Jahren zu einem weltumspannenden Geschäft geworden ist, zu einer umsatzstarken Entertainmentsparte und Erlebniswelt. Es werden nicht nur Senderechte zu Phantasiesummen verkauft, nicht nur Trikots, Schuhe und sonstige Accessoires massenhaft umgesetzt, dazu Bildbände oder hagiographische Biographien.

          Das Spiel selbst, samt Trainingslehre, Scouting und Taktik, ist von Verwissenschaftlichung und Digitalisierung erfasst worden. Die Akkumulation von Spiel- und Spielerdaten hat ein Ausmaß erreicht, dass einem die Metapher „ein Spiel lesen“ schon sehr analog und altmodisch vorkommt, wo es um Berechenbarkeit, Steuerung und Optimierbarkeit geht.

          So präsent und selbstverständlich sind der Fußball und das Reden über ihn geworden, dass man sich eher fragen muss, ob es da überhaupt noch zwei weitere Bücher über diesen Gegenstand gebraucht hätte.

          Leiden und Leidenschaft

          Die Frage beantwortet sich sofort durch die Leidenschaft, welche die Autoren treibt und trägt. Was der Fußball fürs Menschsein bedeutet, fragt Gebauer; was er auslöst im Betrachter, davon erzählt Toussaint, der ja schon 2007 mit seinem wunderbaren kleinen Text „Zidanes Melancholie“ ein Fußballbuch geschrieben hat, wie man es bis dahin nicht kannte.

          Und es ist spannend zu beobachten, welche Querverbindungen sich zwischen den Autoren ergeben, ihren verschiedenen Schreibweisen, Methoden und Ausgangspunkten zum Trotz.

          Toussaints Buch ist schlank und wendig, es lässt sich keinem Format wirklich zurechnen. Er schweift ab, er „trödelt herum“, er weiß das, muss sich auch nicht dafür entschuldigen, und das hat sehr viel zu tun mit seinem Verfahren, nicht das Geschehen auf dem Platz zu analysieren, sondern dessen vielfältige Echos.

          Toussaint erzählt von den ungeheuren Wirkungen, die nicht nur das Spiel, sondern das gesamte Erlebnis auslöst, die Atmosphäre auf dem Weg zum und im Stadion, die Stimmung auf dem Heimweg. Und so verschränken sich Passagen über seine Stadionbesuche in Japan bei der Weltmeisterschaft 2002 mit den Erinnerungen an die Träume und Phantasmen der Kindheit, aus der letztlich bei allen Begeisterten die mythologischen Bilder stammen, die man sich vom Fußball macht.

          Dass dabei die Erinnerung ab und zu trügen kann, ist normal, da hätten Lektorat und Übersetzung nachbessern müssen, wenn es ums Finale der Champions League zwischen dem AC Mailand und Juventus Turin (2003 statt 2013) oder ums Abschneiden der schwedischen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 geht.

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