https://www.faz.net/-gr0-9j8qt

Bücher über Besatzungszeit : Das Überleben lag in vielen Händen

Französische Polizisten kontrollieren im August 1941 die Papiere festgenommener Juden Bild: akg-images / Sammlung Berliner V

Bei der Judenverfolgung kollaborierte das besetzte Frankreich mit den Deutschen. Aber es gab auch Widerstand. Zwei neue Bücher stellen die Verhältnisse klar.

          Als Michael Marrus und Robert Paxton vor drei Jahren die revidierte und erweiterte Fassung ihres Buchs „Vichy et les Juifs“ herausbrachten, mit dem sie 1981 einen Grundstein für die einschlägige Forschung über das Frankreich der Jahre 1940 bis 1944 gelegt hatten, war im Vorwort zu lesen: „Wir finden es ärgerlich, dass einige sich immer noch fragen, weshalb so viele Juden in Frankreich überlebt haben. Angesichts der Überlebensmöglichkeiten müsste man eher fragen, warum so viele umgekommen sind.“

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf den ersten Blick scheint diese Einschätzung stichhaltig. Weitgehende Einigkeit besteht unter Historikern, dass die Zahl der aus Frankreich deportierten, in Vernichtungslagern ermordeten Juden – 74.150 wurden deportiert, von denen nur 3500 zurückkehrten, 4000 starben zudem in den Internierungslagern – weit geringer hätte ausfallen können, hätte Vichy sich nicht vor dem Hintergrund eines politischen Antisemitismus eigener Tradition weitgehend widerstandslos zum Handlanger von Deportationen gemacht – zumindest solange die Deutschen als die zukünftigen Herrscher Europas gelten konnten. Berlin war schließlich, das zeigen einige Wendungen der Geschehnisse, durchaus dazu zu bewegen, zur Vermeidung von Friktionen mit Folgekosten für die Kriegsführung Maßnahmen der Judenverfolgung fallenzulassen oder aufzuschieben. Bloß legte es Vichy auf eine solche entschlossene Verteidigung nicht an; hinzu kam, wie Marrus und Paxton urteilen, eine verbreitete judenfeindliche Stimmung.

          Frage nach der Mitverantwortung von Vichy

          Die Gegenfrage liegt dann allerdings doch nahe: Wenn eine fremdenfeindlich und antisemitisch agierende Regierung, grassierender gesellschaftlicher Antisemitismus und der von den Besatzern organisierte Mord zusammenkamen, wie konnte dann der Großteil der Verfolgten – neunzig Prozent der französischen und sechzig Prozent der ausländischen Juden – mit dem Leben davonkommen? In Prozenten der Gesamtzahl – 280.000 nach dem verordneten Zensus von Ende 1941 – waren das fast drei Viertel und damit sehr viel mehr als in den anderen von den Deutschen besetzten oder zu Satellitenstaaten gewordenen Ländern (mit Ausnahme Dänemarks).

          Dass eine Erklärung dieser Zahlen viele Faktoren berücksichtigen muss, führen zwei Bücher gut vor Augen. Jacques Semelins Studie „Das Überleben von Juden in Frankreich 1940–1944“, die nun in einer gestrafften, aber auch ergänzten Version auf Deutsch vorliegt (in Frankreich erschien sie 2013), dokumentiert eindrücklich die Ausweichbewegungen und alltäglichen Strategien und Tricks, die Juden entwickelten, um der Verfolgung und Verhaftung zu entgehen. Der Autor stützt sich dabei nicht nur auf eine Fülle von Literatur und Archivmaterial, sondern auch auf Gespräche mit jüdischen Zeitzeugen, um das „Rätsel der 75 Prozent“ zu erklären, die der Ermordung entkamen.

          Laurent Joly hat dagegen in „L’État contre les Juifs“ die staatlichen Maßnahmen gegen Juden im Blick. Auf knappem Raum führt er zusammen, was die Forschung beigebracht hat, um die Frage nach der Mitverantwortung von Vichy für die Judenverfolgung zu beantworten. Wobei für ihn nicht nur die obersten Entscheidungsinstanzen maßgeblich sind. Joly verfolgt die Judenpolitik und ihre Konsequenzen vielmehr von der Regierung bis hinunter zu Polizeikommissaren und Beamten, welche die Verhaftungen vornahmen. Und in Betrachtung jeder dieser Ebenen geht es um die Frage, welche Spielräume die Akteure für ihre Entscheidungen und ihr Verhalten hatten. Exemplarisch durchgeführt wird das in einer Analyse von Vorbereitung und Durchführung der großen Razzia in Paris Mitte Juli 1942 („la rafle du Vel’ d’Hiv“), die für die französische Erinnerungskultur an Vichy einen zentralen Stellenwert hat, seit Jacques Chirac sich als erster französischer Präsident 1995 an ihrem Jahrestag zur Mitverantwortung Frankreichs an der Judenvernichtung bekannte.

          Durchaus noch ohne deutsche Pressionen

          Auf Regierungsebene verspielte Vichy Handlungsspielräume gegenüber den Besatzern schnell. Als Himmlers Leute in Frankreich im Sommer 1942 ihre Quoten für die Züge nach Auschwitz ausarbeiteten, da hatte man im Zeichen der „nationalen Revolution“ und durchaus noch ohne deutsche Pressionen schon lange für eine Diskriminierung von Juden gesorgt: mit einer Reihe von Gesetzen, die ihnen den Zugang zu bestimmten Berufsgruppen verboten, und besiegelt durch das „Judenstatut“ vom Oktober 1940. Mit dem mörderischen Antisemitismus nationalsozialistischer Prägung hatte das zwar nichts gemein. Aber Joly zeichnet nach, wie sich Vichy im Bemühen, Reste seiner Souveränität zu bewahren, von den Okkupanten Schritt um Schritt dazu bringen ließ, Maßnahmen gegen Juden zu stützen und dann die Verhaftungen ausländischer Juden – oder durch Annullierung ihrer Naturalisierung zu solchen gemachten – für die von deutscher Seite geforderten Quota der Deportationen zu organisieren.

          Weitere Themen

          Goldener Bär für „Synonymes“ Video-Seite öffnen

          Israelischer Film : Goldener Bär für „Synonymes“

          Der israelische Regisseur Nadav Lapid ist von der Berlinale-Jury für seinen Film „Synonymes“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Deutschland wurden am Samstagabend in Berlin auch zwei deutsche Regisseurinnen ausgezeichnet.

          Abschied für Dieter Kosslick Video-Seite öffnen

          Berlinale 2019 : Abschied für Dieter Kosslick

          Nach 18 Jahren als Berlinale-Direktor lässt Dieter Kosslick die Stimmung auf dem roten Teppich noch mal so richtig auf sich wirken. Bei seinen letzten Filmfestspielen als Leiter wird „Synonymes“ mit dem goldenen Bären geehrt. Darin geht es um einen jungen Israeli, der in Paris eine neue Identität sucht.

          Topmeldungen

          Wenn Details stören : Weiß die SPD, was Hartz IV ist?

          Mit ihrem neuen Sozialstaatskonzept schielt die Partei auf Wähler. Besser wäre, sie schaute auf die Wirklichkeit. Denn die Statistiken verraten so einiges über Hartz IV – sowohl positive als auch negative Entwicklungen.

          Juan Guaidó im Interview : Keiner wird sich für Maduro opfern

          Venezuelas selbsternannter Interimspräsident ist zuversichtlich, dass er sich im Konflikt mit Präsident Maduro durchsetzen wird. „Er hat keinen Führungsanspruch, das Volk folgt ihm nicht mehr“, sagt Juan Guaidó im F.A.Z.-Interview.

          AfD-Chef : Gauland will den Verfassungsschutz abschaffen

          Die AfD-Parteijugend zieht Konsequenzen aus der Einstufung als „Verdachtsfall“ durch den Verfassungsschutz und ändert ihre Satzung. Und AfD-Chef Gauland spricht sich für die Abschaffung der Behörde aus – wegen ihres Gutachtens über seine Partei.
          Alain Finkielkraut, der französische Philosoph, wird in Paris von den „Gelbwesten“ rassistisch beschimpft

          Antisemitismus bei „Gelbwesten“ : „Ich habe einen absoluten Hass gespürt“

          Demonstranten der „Gelbwesten“-Bewegung beschimpften in Paris den Philosophen Alain Finkielkraut unter anderem als „Drecksjuden“. Bei der Gruppe sei Antisemitismus sehr verbreitet, sagte der Intellektuelle im Nachhinein. Nicht alle verurteilten die Übergriffe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.