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Buchmesse in Guinea : Schatten der Diktatur

  • -Aktualisiert am

Das Land hatte einst lieber arm und frei bleiben wollen, als der Communauté Française beizutreten: Fischerboote im Hafen von Conakry, der Hauptstadt Guineas. Bild: Picture-Alliance

Mit Comics die Zensur unterlaufen: Die Regierung in Guinea nimmt die Arbeit der Zeichner nicht ernst und stempelt sie als Bastardkunst ab. So schaffen es die Künstler frei zu zeichnen.

          Im Jahr 2017 war Conakry Welthauptstadt des Buches, aber die Unesco-Entscheidung für Guinea spiegelte eher Wunschdenken als nachprüfbare Realität, denn auch hier verdrängen Smartphones die Bücher, obwohl man nach wie vor Französisch spricht und schreibt. Das ist umso überraschender, als der spätere Staatschef Sékou Touré am Vorabend der Unabhängigkeit De Gaulle brüskiert hatte mit dem Satz, sein Land bleibe lieber arm und frei, als der Communauté Française beizutreten, dem Gegenstück zum Commonwealth, worauf De Gaulle verärgert abreiste. Guinea orientierte sich daraufhin am Ostblock, und Jahrzehnte vergingen, bis die Beziehungen sich wieder normalisierten.

          Im Anschluss an das Buchhauptstadtjahr fand im von China erbauten Palais du Peuple nun eine Buchmesse statt, wo neben frankophoner Literatur auch Texte in den Sprachen der Fulbe und Malinke auslagen, Guineas tonangebenden Ethnien, die sich seit Jahrzehnten um die Vorherrschaft streiten. Das Buchangebot war so überschaubar wie die internationale Präsenz, abgesehen von Côte d’Ivoire, Mali und Burkina Faso als Ehrengast.

          Horrende Preise

          Nur Deutschland war mit einem von der Botschaft betreuten Stand vertreten, denn Guineas Buchproduktion wird dominiert von dem nach einem Wüstenwind benannten Pariser Verlag Harmattan, der Filialen in allen frankophonen Ländern unterhält und neben modernen afrikanischen Autoren auch kritisch kommentierte Kolonialliteratur, Reiseberichte und ethnologische Studien publiziert. Dagegen ist nichts einzuwenden, außer dass die sorgfältig edierten Bücher für Studenten und interessierte Leser unerschwinglich sind.

          Das größere Ärgernis aber war der Auftritt des Staatschefs Alpha Conté, der die zum Appell angetretenen Diplomaten und Journalisten, Autoren und Verleger in brütender Hitze stundenlang warten ließ, während Tänzerinnen und Gaukler, Hofnarren und Zwerge Kunststücke vorführten und ein Orchester die Nationalhymne probte. In endlosen Festreden wurde dem Präsidenten und der First Lady, Madame la Première Dame, gedankt, ohne deren guten Willen die Buchmesse nicht hätte stattfinden können, obwohl sie überwiegend von Sponsoren finanziert wird, unter ihnen auch die Bundesrepublik. Als ich Djibril Tamsir Niane, Guineas bekanntesten Historiker, der das Malinke-Epos „Soundjata“ aufgezeichnet und herausgegeben hat, frage, ob das Herrscherlob vorkolonialer Tradition entstamme, meint der Neunzigjährige schmunzelnd: Nein, es sei ein Erbe der totalitären Diktatur von Sékou Touré und späterer Militärregimes. „Wer sich den Herrschenden nicht anbiedert, hat in Guinea keine Chance, und das ist ein Grund, warum so viele qualifizierte junge Leute das Land verlassen.“

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          Zu ihnen gehört auch der in Paris lebende Tierno Monénembo, Guineas prominentester Schriftsteller, der kürzlich den Prix Renaudot gewann. Der Buchmesse in Conakry blieb er ostentativ fern, weil er keine Lust hatte, dem durch eine umstrittene Wahl an die Macht gekommenen Staatschef als Feigenblatt zu dienen, wie ein Verlagsmitarbeiter mutmaßte. Guineas Zivilgesellschaft tritt nur mit Mühe aus dem langen Schatten von Sékou Tourés 25 Jahre währender Diktatur, die jeden kreativen Impuls erstickte, gefolgt von ebenso langer, rigider Militärherrschaft, die der Demokratie nicht gerade förderlich war.

          Der Umschlag von Befreiung in Unterdrückung geschah unmerklich: Nach dem Sturz seines Freundes Nkrumah ersann Sékou Touré immer neue Verschwörungen, um missliebige Politiker, Rivalen und Oppositionelle an den Pranger zu stellen. Ein Braumeister aus Aachen wurde festgenommen und beschuldigt, Sékou Touré mit Bier vergiften zu wollen, ebenso wie ein deutscher Fahrradtourist, der sich nach Einreiseformalitäten erkundigte. Erst Jahre später kam heraus, dass die Stasi einen in Guinea tätigen Bundesbürger als Nazi-Agenten denunziert hatte, der im berüchtigten Camp Boiro zu Tode gequält wurde. Sékou Touré konnte die Hilfeschreie hören – das Folterzentrum lag neben seinem Amtssitz. Zwar wurden einige Hauptschuldige verurteilt, von konsequenter Aufarbeitung der Diktatur ist Guinea weit entfernt.

          Nur Comiczeichner und Karikaturisten nehmen kein Blatt vor den Mund und unterlaufen die Zensur, weil ihre Arbeit als Bastardkunst gilt und von der Regierung nicht ernst genommen wird. Der Tisch, an dem zwei aus Deutschland angereiste Comic-Autoren demonstrierten, wie man mit Schuss und Gegenschuss eine Bildgeschichte erzählt, war stets von Neugierigen umdrängt, unter ihnen hochbegabte, aber schlecht bezahlte einheimische Karikaturisten, die auch durch Morddrohungen nicht abzuhalten sind vom Knacken sexueller und religiöser Tabus. Ähnlich wie Telenovelas in Nigeria werden „graphic novels“ auch von Analphabeten verstanden und stellen die Alltagsprobleme ungeschminkter dar als die sogenannte hohe Literatur, die nur Afrikas Eliten erreicht.

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