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Buchmarkt : Sachbücher im Aufwind

Und bald auch noch ein Preis: Die Sachbücher sind das neue Lieblingskind der Branche. Bild: dpa

Die Zahl der Leser sank in den letzten Jahren, doch das Segment der Sachbücher verzeichnet nunmehr deutliche Zuwächse: An diese Tendenz knüpfen Verlage und Buchhandel einige Hoffnungen.

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          Der Aufwärtstrend ist seit einigen Jahren nicht zu übersehen. Die Zahl der verkauften Sachbücher legt zu. Zwar machen sie mit knapp elf Prozent vom gesamten Buchmarkt nicht ansatzweise so viel Umsatz wie die Belletristik mit ihren mehr als einunddreißig Prozent, aber Letztere irritiert derzeit mit sinkenden Umsätzen, während das Sachbuch im letzten und voraussichtlich auch in diesem Geschäftsjahr gute fünf Prozent zulegt. Diese Entwicklung ist markant – und erfreulich.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Vor allem Bücher aus dem Bereich Politik, Gesellschaft und Wirtschaft finden immer mehr Zuspruch. Was ist geschehen? Ist die deutsche Leserschaft erwacht und stellt sich den drängenden politischen oder gar überzeitlichen Fragen, anstatt sich bloß unterhalten zu lassen? Die naheliegende Erklärung wäre, die neue Zuneigung zum Faktischen als Folge der unruhigen Zeiten zu deuten, die nach Aufklärung und Einordnung verlangen. Aber wie erklärt man der potentiellen Kundschaft, dass man die passenden Produkte im Angebot hat, mit denen sie ihren Wissensdurst jenseits von Wiki und Youtube löschen kann? Und wie erklärt man Millennials, dass diese Produkte eine Aufmerksamkeitsspanne erfordern, die sich nach Stunden und Tagen bemisst – und nicht nach Sekunden?

          Näher, mein Kunde, zu dir, im Laden und im Internet sowieso: In dieser Übung hatte die Branche Nachholbedarf. Die großen Buchhandels-Filialisten wie Thalia und Hugendubel kaschieren die inhaltliche Ausdünnung mit immer neuen Ladenkonzepten und Multi-Channel-Vertriebsstrategie, Konzernverlage konzentrieren ihre Ressourcen auf den Ausbau der Digitalisierung, kleinere Läden und Verlage stehen vor der großen Herausforderung, den Anschluss nicht zu verlieren. Vor dem Hintergrund eines dramatischen Rückgangs von Buchkäufern blieb gar nichts anderes übrig, als endlich die Scheuklappen abzulegen.

          Der neue Deutsche Verlagspreis

          Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Verlage, Buchhandlungen und den Zwischenbuchhandel vertritt, hat es nach eigenen Angaben im Jahr 2018 geschafft, dreihunderttausend Buchkäufer zurückzuholen. Und doch blieb die Zahl knapp unter der Dreißig-Millionen-Marke stecken; 2012 waren es noch sieben Millionen mehr gewesen. Ob der schmale Zuwachs genügt, das Ruder herumzureißen?

          Richtig ist, dass derzeit massiv getrommelt wird, auch mit Unterstützung aus Berlin. Kulturstaatsministerin Grütters zieht, das Hohelied des Buches singend, mit der Gießkanne durchs Land. Nach der Auslobung des Deutschen Buchhandlungspreises im Jahr 2015 – hundertachtzehn inhabergeführte Buchhandlungen wurden zuletzt mit Summen zwischen 7000 und 25.000 Euro bedacht – folgt nun am Buchmessenfreitag die Vergabe des erstmals verliehenen Deutschen Verlagspreises. Sechzig Verlage erhalten 15.000, drei jeweils 60.000 Euro.

          Zwei neue Sachbuchpreise

          Und für Sachbücher gibt es gleich zwei neue Preise: „Wissen!“, den Sachbuchpreis der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft für Geisteswissenschaften, und den vom Börsenverein initiierten Deutschen Sachbuchpreis, der im kommenden Frühjahr mit einer Liste von acht Büchern an den Start geht, wenige Wochen nach Ende der Leipziger Buchmesse. Der Sieger wird bei den Buchtagen in Berlin gekürt; im Juni, wenn die auf das Weihnachtsgeschäft fixierte Branche wie jedes Jahr durchhängt. „Relevant“ soll das Gewinnerbuch sein und Bezug zum Zeitgeschehen haben. Doch die Angebotspalette des populären Sachbuchs ist viel breiter, als diese Kriterien suggerieren. Hätte ein Buch wie Lothar Müllers „Freuds Dinge – Der Diwan, die Apollokerzen & die Seele im technischen Zeitalter“ dann eine Chance?

          Nach Stückzahlen gemessen, bleiben solche ernsthaften Bücher Waisenknaben im Vergleich zu den Lokomotiven, die zum Teil seit Jahren den Sachbuchgüterzug ziehen. Die folgen anderen Relevanz-Kriterien. Man denke an die sich schon lange behauptenden Bestseller „Darm mit Charme“ von Giulia Enders und Peter Wohllebens „Das Geheimnis der Bäume“, an John Streleckys „Das Café am Rande der Welt“ und Stefanie Stahls „Das Kind in dir muss Heimat finden“. Aber es gibt eben nicht nur Esoterik, Bienen und Gesundheit, die sich verkaufen, sondern auch Stephen Hawking, Michelle Obama, Yuval Noah Harari. Sogar Adorno hat es mit einer vor mehr als fünfzig Jahren gehaltenen Rede über Rechtsradikalismus auf die Bestsellerliste geschafft.

          Auf den richtigen Riecher kommt es an

          Sachbücher sind die Schnecken im Regal der Schnelldreher. Sie haben häufig die längere Entstehungszeit für sich, die bessere Haltbarkeit, das größere Potential an Orientierung. Es ist kein Zufall, dass sie im Markt der E-Books keine große Rolle spielen – je komplexer die Inhalte, desto besser begreift man sie auf Papier, desto eher bleiben sie im Gedächtnis haften.

          Für die Verlage mit Sachbuch-Ambition bedeutet das neben einer intensiven Autorenbetreuung vor allem, den richtigen Riecher zu haben, Themen manchmal Jahre im Voraus erspüren zu müssen, wenn sie sich nicht in die Kohorte der Nachahmer-Produzenten einreihen wollen. Wie es dort zugeht, kann man in diesem Herbst an den Dutzenden von Neuerscheinungen zum Klimawandel überprüfen. Vorherzusehen, dass uns dieses Thema auch die nächsten Jahre erhalten bleiben wird, bedarf keiner Prophetie.

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