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Buch der Pussy-Riot-Gründerin : Und Gott schuf die Feministin

  • -Aktualisiert am

Sie war nie Miss Liebreiz und hatte kein Interesse an Mechanikern: Nadeschda Tolokonnikowa in Berlin. Bild: dpa

Nadja Tolokonnikowa, Gründerin von Pussy Riot, hat endlich ein Buch geschrieben – über die Zeit im Gefängnis und über die Revolution. Es beschreibt ein Land auf der Kippe.

          6 Min.

          „Im Knast ist die Teilnahme an Schönheitswettbewerben Pflicht. Wenn du nicht teilnimmst, wirst du nicht vorzeitig entlassen. Nimmst du nicht an der Wahl zur Miss Liebreiz teil, gibt es einen Vermerk in der Akte: ,... verfügt über keine aktive Lebenseinstellung.‘“

          Nadeschda Andrejewna Tolokonnikowa, geboren 1989, aufgewachsen in Sibirien, wollte nie Miss Liebreiz werden, verfügte aber immer schon über eine sehr aktive Lebenseinstellung. Mit zehn fing sie an, feministische Schriften zu lesen, mit sechzehn studierte sie Philosophie, mit achtzehn wurde sie Mitglied der radikalen Künstlergruppe Woina („Krieg“). Mit einundzwanzig gehörte sie zu den Gründerinnen des anarchofeministischen Kollektivs Pussy Riot – und wurde 2012 verhaftet, nachdem sie mit zwei Weggefährtinnen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale mit einem „Punk-Gebet“ gegen Putin und den Patriarchen Kyrill I. angesungen hatte.

          Die Strafe fiel mit zwei Jahren Lagerhaft ungewöhnlich hart aus, trotz internationaler Proteste saß Tolokonnikowa sie bis auf die letzten drei Monate ab. Eine Schuld erkannte sie für sich nie an. Erst im Dezember 2013 wurde sie freigelassen. Ihr Buch „Anleitung für eine Revolution“ erzählt, warum die kluge und gutaussehende Tolokonnikowa schon als Teenager lieber illegale Aktionen plante als sich hübsch zu machen – und warum einen das Sich-Hübschmachen sogar im Gefängnis wieder einholt, wenn man doch nur die Revolution im Kopf hat.

          Dieses Land ist ein Gefängnis

          „Neun Uhr abends, in den Dörfern Mordwiniens wird es Nacht. ( ... ) Gegenüber bei den Mechanikern brennt das Licht. Dorthin schickt man die inhaftierten Frauen, wenn es diese stark nach körperlicher Nähe verlangt. ,Es wird Zeit für die Mechaniker‘, heißt es dann.“ Tolokonnikowa hat dafür nichts übrig. Das versteht keiner.

          „Was zum Teufel macht ihr Mädels da?“, fragen die russischen Männer die Mitglieder von Pussy Riot. „Warum sitzt ihr nicht einfach auf dem Sofa und trinkt Bier?“ Weil Russland ein Gefängnis ist, antwortet dieses Buch. Weil man in einem Gefängnis nicht leben kann. Weil Putin weg muss. Weil man nicht davonrennen kann, wenn man dieses Land für seines hält. Deshalb hat sie ein Buch geschrieben, das sich nicht hübsch macht, ein notwendiges, hartes Buch. „Wenn wir ein ehrliches Buch schreiben, dann wird es ein Buch über den Tod allen Lebens in der Zeit der politischen Reaktion. Und darüber, wie unser Aktivismus mit dem Tod ringt.“

          Das Punk-Gebet von Pussy Riot im Februar 2012 in der Erlöser-Kirche, das zur Verurteilung gegen die Mitglieder der Gruppe  führte.

          Nadja Tolokonnikowa lebt heute wieder in Moskau, mit ihrem Mann und ihrer Tochter. Sie könnte auch in den Vereinigten Staaten leben oder weiß Gott, irgendwo, wo es leichter ist, also praktisch überall. Aber was würde das bringen? „Macht haben nicht diejenigen, die über Posten und Gefangenentransporter verfügen, sondern diejenigen, die ihre Angst überwinden.“ Darum geht es in diesem Buch: Um das Überwinden der Angst und der Trägheit, die ihr Land im festen Griff halten. Der Text, der jetzt zuerst auf Deutsch erscheint, ist Manifest und Autobiographie zugleich. Das formale Prinzip ist das der Collage, deren Dreh- und Angelpunkt die Lagerzeit ist. Eine Aktivistin und Performance-Künstlerin war Tolokonnikowa vorher schon, aber erst das Lager machte eine Autorin aus ihr.

          Als wäre seit Stalin nichts gewesen

          Es gibt Vor- und Rückgriffe, Tolokonnikowa flicht Stimmen, Momente, Gedanken anderer ein, auch die ihrer Gegner. Zitate orthodoxer Popen und der Putintreuen stehen neben Aufzeichnungen von Dissidenten früherer Jahrzehnte und Prozessakten. Der Text bleibt wendig, wechselt die Richtung, hat kein Fett am Körper, inhaliert hier und da mal starken Tabak und billiges Parfüm, spuckt aus dem Fenster wie ein kasachischer Fernfahrer und schminkt sich, wenn es denn sein muss, die Lippen in einem zerbrochenen Spiegel: „Zieh ein wie Creme. Dringe ein in die Poren!“

          Es macht Spaß, obwohl alles so düster ist. Das Russland der Gegenwart, gegen das Pussy Riot anschreien, ist ein ganz und gar dystopisches: die korrupte Kirche bestimmt die korrupte Politik, die Putintreuen teilen die schwindenden Schätze des Landes unter sich auf, und das System GULag existiert weiter, als wäre seit Stalin nichts gewesen: Wer nicht pariert, verschwindet im Lager. Männer trinken, Frauen kochen in der Küche Süppchen, und alle miteinander sind tapfere Patrioten, die vor nichts Angst haben, außer vor Schwulen natürlich. Ein Land blickt zurück, so weit, wie es kann. In eine trübe Vorzeit, als Frauen noch Weiber waren, die kochten und stickten und Männer sich für sie schlugen. Oder eben die Frauen schlugen, je nach Laune und Pegel.

          Dieser verfickte Phallozentrismus

          Pussy Riot trafen in Russland einen Nerv, der offenbar noch nicht ganz taub geworden war. Der russische Staat hat sie erbittert bekämpft und hart bestraft. Warum? Feminismus ist wohl das Letzte, was die Popen und die Bürokraten gebrauchen können, denn ohne die tatkräftige Unterstützung der russischen Frau bricht Russland, wie jedes Entwicklungsland mit schwachen demokratischen Strukturen, in null Komma nichts in sich zusammen.

          Doch die Natur des Menschen steht, ach, der Revolution oft entgegen. Tolokonnikowas „Anleitung“ weiß auch davon ein Lied zu singen. Die Geschlechter ziehen sich eben wechselseitig an, und der Mann hat die eine Sache, die die Frau nicht hat, eine vermaledeite Sache, die auch die flinke Hand der Sorokina nicht ersetzen kann.

          „Einmal komme ich in die Werkhalle des Gefängnisses“, schreibt Tolokonnikowa „und sehe, dass sich alle die Augen schminken. ,Was ist los?‘, frage ich neugierig.

          ,Ein neuer Mechaniker hat angefangen.‘“

          Was hat sich in diesem Land seit Stalin eigentlich geändert? Wenig, wenn man Tolokonnikowas Gefängnisberichten folgt: Das System Gulag wurde nie abgeschafft oder überwunden.

          Im Straflager, erkennt Tolokonnikowa, verliert der Mensch alles, aber nicht seine Gender-Stereotype. „Verlieben tun sich die Mädchen um mich herum am liebsten in die (Mädchen), die sie an Männer erinnern. Was ich persönlich als Verrat am gesamten weiblichen Geschlecht erlebe. Das ist der verfickte Phallozentrismus.“

          Manche sterben an Überanstrengung

          Das Patriarchat herrscht auch im Frauengefängnis, wo, anders als in den Männerlagern, der Aufstand nie geprobt wird. Im Lager IK 14 in Mordwinien nähen ausschließlich weibliche Häftlinge Polizeiuniformen, sechzehn bis siebzehn Stunden am Tag, ein freier Tag im Monat wird gegeben. Manche sterben an Überanstrengung, das wird dann als Herzinfarkt-Todesfall geführt. Das Essen ist verfault, Medikamente werden verweigert, Rationen gestrichen.

          „Ich schätze strenge Rahmenbedingungen, ich schätze Prüfungen“, schreibt die 23-jährige Tolokonnikowa im Frühjahr 2013 an ihrem Nähtisch an den Philosophen Slavoj Žižek. „Ich verspüre ein lebhaftes Interesse daran, wie ich mit all dem fertigwerde ... Ich sehe hier etwas, das mich inspiriert, etwas, das mich fördert. Ich sehe es nicht dank, sondern trotz des Systems, in dem ich lebe.“

          Im Herbst 2013 wird Nadja Tolokonnikowa von der Lagerleitung unter Druck gesetzt. Sie soll aussagen, was sie über andere Pussy-Riot-Mitglieder weiß. Stattdessen tritt sie in den Hungerstreik und fordert bessere Bedingungen für alle Gefangenen. Sie kommt in Einzelhaft, in einen kleinen, eiskalten Raum, in dem sie unbeweglich auf einer eisenbeschlagenen Bank zu sitzen hat, wie ein Menschenrechtler notiert.

          In Erwartung einer politischen Apokalypse

          Tolokonnikowa, mittlerweile sterbenskrank, setzt sich schließlich durch. Der Beauftragte des Präsidenten für Menschenrechte ruft sie an, sie solle aufhören mit ihrem Hungerstreik, dann würden sich die Bedingungen verbessern. Sobald sie im Frühjahr 2014 entlassen wird, kämpft sie für die Hunderttausenden Strafgefangenen Russlands. Damit sind die Insassen der Arbeitslager und der Gefängnisse gemeint, aber Tolokonnikowa wendet sich auch an die, die einfach nur in diesem Land leben, scheinbar ergeben oder resigniert, „in Erwartung einer politischen Apokalypse“.

          Wann die kommt? Man weiß es nicht. Doch warum sollte, andererseits, die russische Geschichte plötzlich von friedlichen Übergängen geprägt sein? Putin, sagt Julian Assange in London zu ihr, Putin erscheine nur dann irrational, wenn man nicht erkenne, dass er um jeden Preis an der Macht bleiben wolle. Und ihr Aufseher im Lager vertraut Tolokonnikowa unvermittelt an, dass der Bürgerkrieg nicht mehr weit sei. „Alles läuft darauf hinaus. Putin hält sich zäh. Von allein geht der nicht.“ Und wenn es so weit sei, dann nehme er die Schulterklappen ab und gehe mit ihnen.

          „Wann?“, fragt sie den Wärter. „Wenn der Aufstand beginnt“, antwortet der. „Der gnadenlose russische Aufstand.“

          Russland, ein barbarisches Land

          „Anleitung zu einer Revolution“ beschreibt ein Land auf der Kippe: mit einem Bein noch in der Zivilisation, mit dem anderen in der totalitären Hölle. Man muss es auch lesen als Beitrag zur russischen Literatur, die so oft von Eingesperrten und Ausgestoßenen erzählt hat, von Verfolgten und Unbeirrten, vom Glauben an Veränderung und scheinbar unüberwindbares Verharren. Tolokonnikowa schreibt aus Notwendigkeit, aus Notwehr, das macht ihren Text stark und zu Literatur. Aber stark ist der Feind auch. Und dabei schamloser als jedes Punk-Gebet.

          „Es wird wohl kaum jemand bestreiten, dass Stalin eine große Persönlichkeit war“, zitiert Tolokonnikowa den Leiter des Tscheljabinsker Gefängnisses, in dem sie einsaß; und dass man zu leidenschaftliche Philosophen mit Triebtätern vergleichen könne: „Sie sind nicht weniger gefährlich. Russland ist ein barbarisches Land. Und es ist nicht mit Europa gleichzusetzen.“

          Wer bei dieser auch hierzulande verbreiteteten „Russland ist eben anders“-Melodie mitsingt, der spielt den Lagerkommandanten in die Hände. Wer Russland zu einer Sonderzone der Menschheit erklärt, gibt dieses Land endgültig auf. Dazu ist Nadja Tolokonnikowa nicht bereit. Und wir sollten es auch nicht sein.

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