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Buch der Pussy-Riot-Gründerin : Und Gott schuf die Feministin

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„Ich schätze strenge Rahmenbedingungen, ich schätze Prüfungen“, schreibt die 23-jährige Tolokonnikowa im Frühjahr 2013 an ihrem Nähtisch an den Philosophen Slavoj Žižek. „Ich verspüre ein lebhaftes Interesse daran, wie ich mit all dem fertigwerde ... Ich sehe hier etwas, das mich inspiriert, etwas, das mich fördert. Ich sehe es nicht dank, sondern trotz des Systems, in dem ich lebe.“

Im Herbst 2013 wird Nadja Tolokonnikowa von der Lagerleitung unter Druck gesetzt. Sie soll aussagen, was sie über andere Pussy-Riot-Mitglieder weiß. Stattdessen tritt sie in den Hungerstreik und fordert bessere Bedingungen für alle Gefangenen. Sie kommt in Einzelhaft, in einen kleinen, eiskalten Raum, in dem sie unbeweglich auf einer eisenbeschlagenen Bank zu sitzen hat, wie ein Menschenrechtler notiert.

In Erwartung einer politischen Apokalypse

Tolokonnikowa, mittlerweile sterbenskrank, setzt sich schließlich durch. Der Beauftragte des Präsidenten für Menschenrechte ruft sie an, sie solle aufhören mit ihrem Hungerstreik, dann würden sich die Bedingungen verbessern. Sobald sie im Frühjahr 2014 entlassen wird, kämpft sie für die Hunderttausenden Strafgefangenen Russlands. Damit sind die Insassen der Arbeitslager und der Gefängnisse gemeint, aber Tolokonnikowa wendet sich auch an die, die einfach nur in diesem Land leben, scheinbar ergeben oder resigniert, „in Erwartung einer politischen Apokalypse“.

Wann die kommt? Man weiß es nicht. Doch warum sollte, andererseits, die russische Geschichte plötzlich von friedlichen Übergängen geprägt sein? Putin, sagt Julian Assange in London zu ihr, Putin erscheine nur dann irrational, wenn man nicht erkenne, dass er um jeden Preis an der Macht bleiben wolle. Und ihr Aufseher im Lager vertraut Tolokonnikowa unvermittelt an, dass der Bürgerkrieg nicht mehr weit sei. „Alles läuft darauf hinaus. Putin hält sich zäh. Von allein geht der nicht.“ Und wenn es so weit sei, dann nehme er die Schulterklappen ab und gehe mit ihnen.

„Wann?“, fragt sie den Wärter. „Wenn der Aufstand beginnt“, antwortet der. „Der gnadenlose russische Aufstand.“

Russland, ein barbarisches Land

„Anleitung zu einer Revolution“ beschreibt ein Land auf der Kippe: mit einem Bein noch in der Zivilisation, mit dem anderen in der totalitären Hölle. Man muss es auch lesen als Beitrag zur russischen Literatur, die so oft von Eingesperrten und Ausgestoßenen erzählt hat, von Verfolgten und Unbeirrten, vom Glauben an Veränderung und scheinbar unüberwindbares Verharren. Tolokonnikowa schreibt aus Notwendigkeit, aus Notwehr, das macht ihren Text stark und zu Literatur. Aber stark ist der Feind auch. Und dabei schamloser als jedes Punk-Gebet.

„Es wird wohl kaum jemand bestreiten, dass Stalin eine große Persönlichkeit war“, zitiert Tolokonnikowa den Leiter des Tscheljabinsker Gefängnisses, in dem sie einsaß; und dass man zu leidenschaftliche Philosophen mit Triebtätern vergleichen könne: „Sie sind nicht weniger gefährlich. Russland ist ein barbarisches Land. Und es ist nicht mit Europa gleichzusetzen.“

Wer bei dieser auch hierzulande verbreiteteten „Russland ist eben anders“-Melodie mitsingt, der spielt den Lagerkommandanten in die Hände. Wer Russland zu einer Sonderzone der Menschheit erklärt, gibt dieses Land endgültig auf. Dazu ist Nadja Tolokonnikowa nicht bereit. Und wir sollten es auch nicht sein.

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