https://www.faz.net/-gr0-8dtij

Buch der Pussy-Riot-Gründerin : Und Gott schuf die Feministin

  • -Aktualisiert am

Als wäre seit Stalin nichts gewesen

Es gibt Vor- und Rückgriffe, Tolokonnikowa flicht Stimmen, Momente, Gedanken anderer ein, auch die ihrer Gegner. Zitate orthodoxer Popen und der Putintreuen stehen neben Aufzeichnungen von Dissidenten früherer Jahrzehnte und Prozessakten. Der Text bleibt wendig, wechselt die Richtung, hat kein Fett am Körper, inhaliert hier und da mal starken Tabak und billiges Parfüm, spuckt aus dem Fenster wie ein kasachischer Fernfahrer und schminkt sich, wenn es denn sein muss, die Lippen in einem zerbrochenen Spiegel: „Zieh ein wie Creme. Dringe ein in die Poren!“

Es macht Spaß, obwohl alles so düster ist. Das Russland der Gegenwart, gegen das Pussy Riot anschreien, ist ein ganz und gar dystopisches: die korrupte Kirche bestimmt die korrupte Politik, die Putintreuen teilen die schwindenden Schätze des Landes unter sich auf, und das System GULag existiert weiter, als wäre seit Stalin nichts gewesen: Wer nicht pariert, verschwindet im Lager. Männer trinken, Frauen kochen in der Küche Süppchen, und alle miteinander sind tapfere Patrioten, die vor nichts Angst haben, außer vor Schwulen natürlich. Ein Land blickt zurück, so weit, wie es kann. In eine trübe Vorzeit, als Frauen noch Weiber waren, die kochten und stickten und Männer sich für sie schlugen. Oder eben die Frauen schlugen, je nach Laune und Pegel.

Dieser verfickte Phallozentrismus

Pussy Riot trafen in Russland einen Nerv, der offenbar noch nicht ganz taub geworden war. Der russische Staat hat sie erbittert bekämpft und hart bestraft. Warum? Feminismus ist wohl das Letzte, was die Popen und die Bürokraten gebrauchen können, denn ohne die tatkräftige Unterstützung der russischen Frau bricht Russland, wie jedes Entwicklungsland mit schwachen demokratischen Strukturen, in null Komma nichts in sich zusammen.

Doch die Natur des Menschen steht, ach, der Revolution oft entgegen. Tolokonnikowas „Anleitung“ weiß auch davon ein Lied zu singen. Die Geschlechter ziehen sich eben wechselseitig an, und der Mann hat die eine Sache, die die Frau nicht hat, eine vermaledeite Sache, die auch die flinke Hand der Sorokina nicht ersetzen kann.

„Einmal komme ich in die Werkhalle des Gefängnisses“, schreibt Tolokonnikowa „und sehe, dass sich alle die Augen schminken. ,Was ist los?‘, frage ich neugierig.

,Ein neuer Mechaniker hat angefangen.‘“

Was hat sich in diesem Land seit Stalin eigentlich geändert? Wenig, wenn man Tolokonnikowas Gefängnisberichten folgt: Das System Gulag wurde nie abgeschafft oder überwunden.

Im Straflager, erkennt Tolokonnikowa, verliert der Mensch alles, aber nicht seine Gender-Stereotype. „Verlieben tun sich die Mädchen um mich herum am liebsten in die (Mädchen), die sie an Männer erinnern. Was ich persönlich als Verrat am gesamten weiblichen Geschlecht erlebe. Das ist der verfickte Phallozentrismus.“

Manche sterben an Überanstrengung

Das Patriarchat herrscht auch im Frauengefängnis, wo, anders als in den Männerlagern, der Aufstand nie geprobt wird. Im Lager IK 14 in Mordwinien nähen ausschließlich weibliche Häftlinge Polizeiuniformen, sechzehn bis siebzehn Stunden am Tag, ein freier Tag im Monat wird gegeben. Manche sterben an Überanstrengung, das wird dann als Herzinfarkt-Todesfall geführt. Das Essen ist verfault, Medikamente werden verweigert, Rationen gestrichen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Corona-Lage in Süditalien : Aufrufe zur Revolution

In Süditalien drohen Menschen mit „Sturm auf die Paläste“. Der Geheimdienst warnt vor sozialen Unruhen. Schon gab es versuchte Plünderungen. Die wirtschaftliche Lage der Region ist wegen Corona fatal.

Bolsonaro empört Brasilianer : Der letzte Corona-Leugner

Die Gouverneure fordern die Brasilianer auf, wegen der Pandemie zu Hause zu bleiben. Der Präsident hält mit einer PR-Kampagne dagegen. Unterstützer gehen auf Distanz. Muss Bolsonaro bald um sein Amt kämpfen?
Die Firma Charles River Laboratories züchtet Labormäuse.

Chancen im Crash : Diese zehn Aktien gibt es zum Sonderpreis

Die Kurse an der Börse schlagen aus wie nie zuvor. Für hartgesottene Anleger tun sich lukrative Chancen auf. Denn viele solide Aktiengesellschaften sind viel günstiger zu haben als sonst. Ein Überblick für Mutige.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.