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John le Carré und der Brexit : Der englische Patient im Delirium

  • -Aktualisiert am

Der englische Schriftsteller John le Carré (mit bürgerlichem Namen David John Moore Cornwell) zeigt in Bern Schauplätze seines neuen Romans. Bild: Helmut Fricke

In seinem neuen Roman „Federball“ verarbeitet der britische Autor John le Carré das Trauma des Brexits. Sein Fazit ist bitter: An der Spitze des Landes steht ein Mann, der immer gewinnen will und alles verspielt.

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          Anfang der sechziger Jahre, als John le Carré in Deutschland für den britischen Geheimdienst tätig war, lautete die offizielle Mission des als Diplomat getarnten Spions, die Unterstützung deutscher Politiker für das Gesuch Großbritanniens zu gewinnen, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beizutreten. Sechzig Jahre später ist das innenpolitisch gelähmte Britannien mit seinem Austrittbegehren nun wieder in die Rolle des Bittstellers gerutscht, obgleich die Briten in der sarkastischen Beurteilung eines desillusionierten ehemaligem russischen Geheimdienstlers in le Carrés jüngstem Roman, „Federball“, „die Nase oben“ tragen und sich für „Superhelden“ halten, weil sie meinen, all ihre Kriege ganz alleine gewonnen zu haben.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In der Zwischenzeit hat le Carré die Spitzeltätigkeit längst eingetauscht gegen den Beruf des Schriftstellers, der, wie er selbst einmal bemerkte, dasselbe „wache Auge für menschliche Verfehlungen und die vielen Wege zum Verrat“ erfordert. Die Gewissheiten des Kalten Krieges sind der postkommunistischen Weltunordnung gewichen, und le Carré hat seine Stoffe den aktuellen Herausforderungen im Zeitalter der Globalisierung und Regionalisierung angepasst. Ob er sich mit erhobener Faust des Waffenhandels, der Geldwäscherei, den Machenschaften der Pharmaindustrie oder des islamischen Terrorismus annimmt, es sind immer die gleichen angeschlagenen Helden, die in der Schattenwelt der Geheimdienste mit gespaltenen Loyalitäten, kompromittierter Moral und doppelbödigen Identitäten ringen.

          Gewinnen, nicht regieren

          Dieses Mal dient le Carré der „blanke Irrsinn“ des Brexits als Folie für seine beklemmend eindringliche Erkundung gebrochener Seelenlandschaften. Das Thema treibt den leidenschaftlichen Europäer buchstäblich auf die Barrikaden. Le Carré hat von der Unmöglichkeit gesprochen, gegenwärtig zu schreiben, ohne „von innen über den Zustand der Nation“ zu reden. „Ich bin Teil davon. Es deprimiert mich. Ich schäme mich dessen und ich glaube, das vermittelt sich in dem Buch.“ Man könnte diese Aussage als Untertreibung bezeichnen. Le Carré beschriebt ein gespaltenes Land „in freiem Fall“, das den roten Teppich ausrollt für einen amerikanischen Präsidenten, „der gekommen ist, um die schwer erkämpften Beziehungen zu Europa zu verhöhnen und die Premierministerin zu erniedrigen, die ihn eingeladen hat“. London ist eine „niemals stillstehende Geldwaschanlage“, in der die politische Elite mit korrupten Oligarchen verkehrt, die Brexiteere mit Spenden unterstützen. Je nach dem, welcher Figur der Autor das Wort gibt, wird das Land geführt von einem „Haufen postimperialer Nostalgiker, die nicht mal einen Obststand betreiben können“, oder einem „zehntklassigen Minderheitskabinett der Tories“ mit einem „verfluchten Narzissten von elitärem Eton-Absolventen“ zum Außenminister, „der nicht eine einzige feste Überzeugung zu bieten hätte, mal abgesehen von seinem eigenen Fortkommen“.

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