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Borchardts Nachlassroman : Was man von diesem Buch wissen kann

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Durch die Niederungen des Sexus zur Selbstgewinnung: Warum bleibt Rudolf Borchardts erotischer Roman weggesperrt für die nächsten zwanzig Jahre?

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          Das Manuskript einer autobiographischen Erzählung, in der Rudolf Borchardt seine sexuellen Abenteuer im „Weltpuff Berlin“ um 1900 auf nicht weniger als tausend Seiten beschrieben haben soll (F.A.Z. vom 19. Mai), bleibt im Deutschen Literaturarchiv Marbach für die nächsten zwanzig Jahre gesperrt. Die von Gerhard Schuster, dem verdienstvollen Herausgeber des Borchardtschen Briefwerks, initiierte Debatte darüber, ob die Nachfahren des Dichters noch nach dem gesetzlichen Ablauf der persönlichen Eigentumsrechte eine Veröffentlichung verhindern können, hat an dieser Situation nichts geändert. Als Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach sieht sich Ulrich Raulff durch einen entsprechenden Vertrag mit den Erben gebunden, und er verweist darauf, dass auch siebzig Jahre nach dem Tod des Autors das von der Familie angemeldete Interesse des Persönlichkeitsschutzes zu berücksichtigen sei. Da das Archiv noch nicht einmal Forschern einen Einblick gewähren darf, lässt sich vorerst nichts Genaueres als das in dieser Zeitung Berichtete über Inhalt und Form des gesperrten Textes in Erfahrung bringen und dem Publikum mitteilen. Das ist höchst bedauerlich.

          Doch die in dieser Zeitung angesprochene Frage, wie denn ein pornographischer Roman zu dem konservativen Autor der sogenannten Schöpferischen Restauration passt, kann auch so beantwortet werden. Dass Borchardt zeitlebens ein Erotomane war, der noch während seiner beiden Ehen zahlreiche Amouren hatte und auch Bordelle besuchte, ist in der jüngst erschienenen Biographie Peter Sprengels detailliert nachzulesen. Borchardt selbst hat seit einem von ihm fingierten Brief des Göttinger Doktorvaters Friedrich Leo (F.A.Z. vom 9. September 2015) aus dem Jahr 1902 immer wieder in autobiographischen Texten von seinen erotisch-sexuellen Ausschweifungen der Jugendjahre erzählt. Gemeinsam ist diesen Zeugnissen die - entfernt an die „Confessiones“ des Augustinus erinnernde - rhetorische Strategie, den eigenen Selbstverlust in den Niederungen des Sexus als Symptom eines allgemeinen Verfalls der menschlichen Ordnung in der Moderne darzustellen, um sich dann, nach einem einsam durchgefochtenen Kampf der Selbstgewinnung, zum Protagonisten einer konservativen Kulturbewegung zu ernennen.

          Die Beschreibung früherer Ausschweifungen widerspricht also keineswegs dem Selbstbild des späteren Dichters, der die Mission der Wiederherstellung der deutsch-europäischen Kultur auf sich genommen hat. Vielmehr ist sie integraler Bestandteil der eigenen Selbstinszenierung. Ohne die leidenschaftliche Energie des dämonischen Eros, die der Dichter in kulturelle Formen umsetzt und so zu einer konstruktiven Kraft der menschlichen Ordnung und Bildung macht, kann es laut Borchardt keine „schöpferische Restauration“ geben.

          Man lese dazu einen auf die Jugendzeit zurückschauenden Brief aus dem Jahre 1913, den Borchardt, die dauerhafte Kinderlosigkeit seiner Ehe als Behinderung der eigenen sexuellen und kulturellen Schöpferkraft empfindend, an die als Geliebte und Muse zugleich apostrophierte Christa Winsloe geschrieben hat. Hier heißt es: „Lachend und wild belustigt ging ich durch alle die grellen harten Weiber dieses heutigen Deutschlands, mit ihren falschen Stimmen und ihren angeblasenen Phrasen, - alle, wo nicht feil durch und durch, doch irgendwie mit einem nackten Mätzchen an dem das Schild hing ,Zu verkaufen oder zu vermieten‘. In dieser Welt ohne Geheimnis, der ich entfloh, hingst auf einmal Du wie die Ampel im Schleier, und der Schleier war ein Teil Deines Lichtes. Ich habe meine verdorrende, hart und rissig gewordene Seele in Deiner Silbermilch gebadet und war Dein Gläubiger, Dein Liebender, Dein Hoffender, grenzenlos der Deine mit einem Male.“ Genau diese Selbstinszenierung, genau dieser Erzählton kehrt offenbar in der Jahrzehnte später niedergeschriebenen Erzählung vom „Weltpuff Berlin“ wieder.

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