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Sinkende Leserzahlen : Zum Speed-Dating in die Buchhandlung

Die verbliebenen Käufer gaben zwar mehr aus – für im Schnitt zwölf Bücher im Jahr insgesamt 137 Euro, 2013 war es 116 Euro für elf. Doch obwohl die Verlagshäuser vor allem ihre Bestseller teurer machten, um noch zu rentabel zu sein, konnten sie ans Vorjahr nicht anknüpfen. Sie erwirtschafteten 9,13 Milliarden Euro, das sind 1,6 Prozent weniger als 2016. Und sie verkauften wie in den Jahren zuvor aufs Neue weniger Titel. Vom Umsatzrückgang sind außer dem Bereich Schule und Lernen sämtliche Buchgruppen betroffen: Die Belletristik verlor gegenüber 2016 ein Prozent, Kinderbuch, Sachbuch und Ratgeber zwischen 2,3 und 2,5 Prozent; Geisteswissenschaft, Kunst und Musik sechs Prozent. Auch das Ebook verlor erstmals.

Vom Alltag überfordert

Die eigentlich spannende Frage bei all dem Zahlenmaterial aber ist, warum das Kulturgut Buch diesen Statusverlust erlebt, den der Börsenverein anhand der Befragungen durch die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt und in vielen bunten Tortendiagrammen und Balkenreihen veranschaulicht hat. Die Antworten der Exleser, die in der Studie zu Wort kamen und bei der gestrigen Pressekonferenz in Filmauszügen auch eingespielt wurden, fallen ernüchternd und wenig überraschend aus. Was diejenigen umtreibt, die nicht mehr lesen wollen, teilen sie mit sehr vielen anderen Menschen unserer Zeit: Sie fühlen sich von der Schnelllebigkeit des Alltags überfordert, wie die Befragten ein ums andere Mal sagten.

Der chronische Mangel an Zeit und Energie, aber auch die ständige Reizüberflutung und der Druck, immer erreichbar zu sein, hält sie davon ab, zum Buch zu greifen. Sie wolle es ja gar nicht, sagt eine junge Frau fast schon schuldbewusst, aber wenn sie aufstehe, schaue sie als Erstes aufs Handy – und komme dann nicht mehr davon los. „Ich muss ja erreichbar sein“, bekennt eine andere, „aber wenn ich siebenundsiebzig SMS in einer Stunde bekomme, dazu Hunderte E-Mails am Tag, dann ist das wie Arbeit.“

Die Flut einstürzender Informationen, die blinkend und piepsend unentwegt Aufmerksamkeit einfordern, führe zu einem Gefühl der Abhängigkeit und des Ausgeliefertseins, sagen die Exleser, eben weil es ihnen kaum noch möglich sei, sich aus der digitalen Dauerbeschäftigung loszureißen. Die Folge: Es fällt ihnen zunehmend schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren und sich etwa in einen Text zu vertiefen so wie früher. Untersuchungen zum digitalen Verhalten der Deutschen bestätigen die Aussagen der Buchabwanderer, deren stundenlange Befragungen an großen Tischen und in Anwesenheit von Psychologen bisweilen den Ton von Selbsthilfegruppen annahmen.

Nicht mehr als achtzehn Minuten ohne Handy

Ganze achtzehn Minuten hält es der durchschnittliche Handy-Besitzer hierzulande in der Abstinenz aus, dann muss er auf sein Smartphone schauen. Achtundachtzig Mal am Tag, so hat es die Universität Bonn ermittelt, würden die Deutschen das, was sie gerade tun, unterbrechen, um zu ihrem Wischgerät zu greifen. Ein Befund, den die in der Studie Befragten teilen: Beim Lesen erfasse sie eine innere Unruhe, auch deshalb, weil sie dabei nicht gleichzeitig noch anderes tun könnten, auf Push-ups reagieren oder sich bei Facebook auf den neuesten Stand bringen.

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