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Börne-Preis für Eva Menasse : Zehn Jahre Internet für alle

Eva Menasse, Börne-Preisträgerin Bild: dpa

„Alles geht in Trümmer“: So pessimistische Töne wie in diesem Jahr waren bei der Vergabe des Börne-Preises noch nie zu hören. Kein Zweifel: Die Generation der heute 40 bis 50 Jahre alten Autoren hat eine neue Zukunftsangst kennengelernt.

          Die Frage ist immer noch dieselbe, aber sie wird einfach nicht langweilig. Jede der bislang fünfundzwanzig Feierstunden zur Verleihung des Börne-Preises stand in ihrem Zeichen: „Wie haben wir uns in unserer Zeit, wo die bürgerliche Gesellschaft sich verjüngt oder hinfällig wird, sich erfrischt oder abwelkt, aufbaut oder zerstört, mündig oder geistesschwach, gesund oder krank wird; wie haben wir uns da zu verhalten?“ Ludwig Börne hat die Frage vor etwa zwei Jahrhunderten mit fast denselben Worten gestellt und sie wohlweislich so formuliert, dass offen blieb, wie er selbst den Zustand der bürgerlichen Gesellschaft und der sie konstituierenden Öffentlichkeit beurteilte, ob erfrischt oder verwelkt, mündig oder geistesschwach. Darüber, so Börnes implizite Botschaft, müsse sich schon jeder selbst ein Urteil bilden, sofern er sich denn überhaupt für den Zustand dieser bürgerlichen Gesellschaft interessiere. Interessieren wir uns noch dafür?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Antworten, die seit 1993, dem Jahr der ersten Preisverleihung, in der Paulskirche zu hören waren, fielen bei so unterschiedlichen Charakteren wie George Steiner, Henning Ritter, Henryk M. Broder, Joachim Gauck oder Alice Schwarzer naturgemäß unterschiedlich aus. Aber so rabenschwarze, pessimistische und verzweifelte Töne wie in diesem Jahr waren wohl noch nie zu hören. Dabei hatte es mit wohltemperierter Selbstkritik begonnen: „Eine schimpfliche Feigheit zu denken, hält uns alle zurück“ – mit diesem Börne-Zitat begann Florian Illies seine Laudatio auf Eva Menasse und beschrieb den Kern ihres publizistischen Schaffens als Widerstand gegen jegliche Beschränkung der Freiheit des Denkens, als hartnäckiges „Bohren in den eigenen Tiefen, in den eigenen Tabus und denen der Gesellschaft“.

          Nie völlig schmerzfrei

          Unvoreingenommen, unbarmherzig, anstrengend – so charakterisierte Illies, Verleger des Rowohlt Verlages und Börne-Preisträger des Jahres 2014, die Preisträgerin, ihren diagnostischen Blick auf die Gesellschaft und die reiche, aber nicht immer erbauliche Ausbeute ihrer Befunde. Eine völlig schmerzfreie Lektüre war nie zu erwarten von einer Autorin, die beharrlich die Frage stellt, was „wohl die größte Naivität unserer Zeit gewesen sei“.

          „Stabilitätsnarretei!“, so hätte vielleicht Börne geantwortet und damit jegliche Skepsis gegenüber der revolutionären Stimmung seiner Zeit abgetan. Börne stellte die Freiheit über die Kunst, die Veränderung über den Stillstand, den Umbruch über das Bewahren. Seine Zeitkritik war scharf, radikal und bitter – „Ich bin kein Zuckerbäcker, ich bin ein Apotheker“ –, aber er glaubte an die Gegenwart. Darin scheint er uns fremd geworden. Vor zweihundert Jahren, so Eva Menasse, hat Börne „das Licht einer kulturellen Errungenschaft angezündet, das wir gerade ausblasen“. Denn der Wettbewerb mit Worten, der Austausch der Argumente – „das ist an sein Ende gekommen“. Die Enttäuschung angesichts einer sich immer mehr fragmentierenden Öffentlichkeit, die den Unterschied so fraglos feiert, wie sie die Gemeinschaft unter Verdacht stellt, ist bei Eva Menasse offenbar noch größer geworden, nachdem sie schon im vergangenen Jahr in ihrer Rede zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals in Berlin vor den digitalen Gespenstern warnte, die wir alle selbst gezüchtet hätten.

          „Alles geht in Trümmer“

          Die britische Autorin Zadie Smith, Jahrgang 1975, hat unlängst eine Revolution gefordert, die uns vom Internet befreit. Eva Menasse, Jahrgang 1970, konstatiert jetzt in der Paulskirche, „zehn Jahre Internet für alle, mobil auf die Hand“, hätten genügt, um uns das, was Börne und Heine vor zweihundert Jahren begründet haben, verlernen zu lassen. Die alte Öffentlichkeit, so Eva Menasse, sei an ihr Ende gekommen: „Alles geht in Trümmer.“ Kein Zweifel, die Generation der heute vierzig- bis fünfzigjährigen Autoren hat etwas kennengelernt, was ihr vor zehn Jahren noch fremd war: Zukunftsangst und die Sehnsucht nach der jüngeren, der vordigitalen Vergangenheit. Soziale Bräuche und Rituale jener Zeit erscheinen offenbar wieder als bewahrenswert, mehr noch, sie werden fast schon verklärt: „Tagesschau, „Bild“-Zeitung, die Samstagabendshow und der ,Tatort‘, dazu die Feuilletons und die Radios. Wir hatten etwas gemeinsam, zumindest in diesem Land, zumindest in diesem Sprachraum, wir wussten so ungefähr voneinander und wie es uns ging.“ Man reibt sich Augen und Ohren.

          Am Ende erweist sich Eva Menasse beinahe doch noch als die fröhliche Skeptikerin, als die ihr Laudator sie charakterisierte. Mit Blick auf den weltweiten Jugendprotest der „Klima-Kinder“ definiert sie die Verzweiflung unserer Kinder als „die Hoffnung, die wir noch haben“. Aber über welches Medium organisiert sich wohl dieser Hoffnungsschimmer? Die Paulskirchenbesucher, auch nicht jünger geworden in den letzten 25 Jahren, erheben sich. Kurz zuvor hatte die Preisträgerin sie ganz unpolemisch als „schönes, altmodisches Beispiel“ für eine aussterbende Form von Öffentlichkeit bezeichnet – „sozusagen als in Glas gegossene Insekten“. Selbst durch das Glas hindurch hat Eva Menasse einen Nerv getroffen. Stehend spenden die Insekten Beifall.

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