https://www.faz.net/-gr0-9q5ew

Roman von Matthias Brandt : So und nicht anders

Matthias Brandt, Schauspieler und Schriftsteller. Bild: Andreas Pein

Es ist nicht leicht, sechzehn zu sein: Matthias Brandt erzählt in seinem Roman „Blackbird“ von einer Jugend in den Siebzigern. Er tut es mit einem traumhaft sicheren Gespür, wovon man reden muss und was man weglässt.

          6 Min.

          Es gibt keinen Grund, sich zu mokieren über Schauspieler, die erzählende Prosa schreiben, ob sie nun Axel Milberg, Christian Berkel, Andrea Sawatzki, Burkhard Klaußner oder Matthias Brandt heißen. Es wäre ja auch kein Fehler, wenn, sagen wir mal, Daniel Kehlmann das schauspielerische Talent hätte, um in der Verfilmung seiner Romane mehr als eine kleine Rolle zu übernehmen. Am Ende zählt doch bloß, ob einer es kann.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das war vor drei Jahren bei „Raumpatrouille“, Matthias Brandts erstem Buch, eindeutig der Fall, wenn man sich an die Einmütigkeit von Lob und Zustimmung erinnert. „Blackbird“, wie der alte Beatles-Song, ist nun ein Roman, und zwar ohne die jederzeit erkennbare autobiografische Färbung des ersten Buches. Man wird weder Herbert Wehner wiedererkennen noch die Eltern Rut und Willy Brandt. Auch nicht das Bonn der frühen siebziger Jahre. „Blackbird“ spielt in einer namenlosen Kleinstadt, einem „Kaff“. Es liegt an einem Fluß, die neuen Filme laufen hier später an als in der Großstadt, es gibt einen Volkspark, ein Stadtschloss und immerhin eine Filiale von „Jacques’ Weindepot“.

          Und wir sind im Jahr 1977, was man glasklar an Filmen und Platten erkennt, an „Bilitis“ oder David Bowies „Heroes“. An einem Tag Mitte August, als der Ich-Erzähler Morten Schumacher, den alle „Motte“ nennen, einen Anruf bekommt. Sein Vater ist gerade dabei, auszuziehen, nun erfährt Motte, dass sein bester Freund Manfred, den alle „Bogi“ nennen, im Krankenhaus ist. Non-Hodgkin-Lymphom, eine bösartige Erkrankung des Lymphsystems, Krebs. Wir begleiten Motte, der ein paar Tage später 16 Jahre alt wird, durch die nächsten elf Monate, in denen ihm mehr widerfährt als nur die altersytpischen Leiden und Schmerzen. „Irgendwie“, denkt er, „fühlte sich mein ganzes Leben in letzter Zeit so an, als ob ein riesiges ‚Aber‘ vom Himmel gefallen wäre.“

          Desaster in „Bilitis“

          Matthias Brandt hat ein traumhaft sicheres Gespür, wovon man reden muss und was man weglässt, wo Zeit gerafft und wo sie gedehnt werden muss. Es braucht keine trostlose Weihnachtsszene mit Mutter in der neuen Wohnung; dafür ist der Tag, an dem Bogi stirbt, Mottes längster Tag. Was mit ihm geschieht, wie er durch die Gegend streift, das nimmt fast ein Fünftel des Buches ein, und das ist sehr angemessen.

          So wie auch die Pein akribisch geschildert sein will, wenn nach einem verheißungsvollen, vielleicht von Motte überschätzten Auftakt mit der blonden Jacqueline Schmiedebach vom Einstein-Gymnasium das Desaster im Kino folgt, ausgerechnet in „Bilitis“. Brandt weiß auch, dass es nicht zu viele launige Anekdoten aus Schule oder von Familienfeiern sein sollten, weil das schnell in Pennäler- und Familienfolklore abrutscht. Und dass man nicht ständig einschlägige Fernsehserien, Fußballspieler oder Alkoholika aufzählen muss. Amselfelder, der „Jugo-Fusel“, reicht völlig.

          Die häufigen Abschweifungen sind ein ideales Stilmittel für Mottes Befindlichkeit. Sie helfen ihm, unangenehme Situationen immer noch etwas aufzuschieben, Zeit zu gewinnen, bis es wirklich nicht mehr geht und er mit einem „Warum mir der Mist ausgerechnet jetzt einfiel“ oder, noch lieber und häufiger, mit einem knappen „egal“ zur Sache kommt. Und es sind nicht nur Situationen, sondern auch Gedanken, die dadurch umgangen werden, dass periphere Wahrnehmungen sich ins Zentrum drängen.

          Weitere Themen

          Willy wollte es wissen

          Thorbjørn Jagland über Brandt : Willy wollte es wissen

          Vor 50 Jahren wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Ohne seine Zeit in Norwegen ist er nicht zu verstehen. Der frühere Ministerpräsident Thorbjørn Jagland redet darüber, wie das Land Brandt formte – und wie er Norwegen beeinflusste.

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.