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Roman von Matthias Brandt : So und nicht anders

Ausgenommene Erlassenheit

Es ist vermutlich leichter, in dieses Buch hineinzufinden, wenn man Mann ist und Junge war und ungefähr in Brandts Alters. Wenn man mit derselben Verschwitzheit David Hamiltons Weichzeichnerorgie „Bilitis“ gesehen und Cappy, „die süße Plörre“, getrunken hat, wenn man „Country Life“ von Roxy Music mit den beiden fast nackten Frauen auf dem Cover für 16,90 DM gekauft hat, in einem dieser damals brandneuen Discounter, wo man der Spießigkeit des örtlichen Musikalienhändlers entkommen war und die Platten in Pappkartons herumstanden.

Matthias Brandt: „Blackbird“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22 Euro.

Es hilft wohl auch ein bisschen, wenn einem aus dem Gymnasium noch Lehrer vertraut sind, die versprachen, einem „den Arsch bis zum Stehkragen aufzureißen“, und nicht nur den Sportunterricht mit deutlich braungefärbten Sprüchen garnierten. Und wenn man wahnsinnig gelitten hat, dass Haare nun mal nicht schneller wachsen.

Aber das ist, wenn es um Literatur geht, um die Ansprüche, die man an sie hat, noch nicht alles. Es geht ja nicht nur um Wiedererkennungseffekte und Erinnerungsseligkeit, die sich desto schneller einstellen, je älter man wird. Die markanten Details, die Farben, die Gerüche sind notwendig, wenn eine Zeit noch einmal anschaulich und lebendig werden soll. Aber nicht hinreichend.

Es muss noch etwas hinzukommen: Diese singuläre Erfahrung, 16, 17 Jahre alt zu sein, nicht Kind, nicht Erwachsener, zwischen allen Stühlen, peinlich berührt von den Eltern, nicht zu wissen, wo es lang geht, sich auf der Suche nach einer Freundin selber im Wege zu stehen, dauernd im Clinch mit dem Realitätsprinzip – all das muss so zwingend dargestellt sein, dass der Eindruck entsteht: So und nicht anders ist es. Und das passiert zum Beispiel, wenn man solche Sätze liest: „Komisch, jetzt gab es da plötzlich etwas, das sich ‚mein Leben‘ nannte und über das ich dauernd nachdachte, als ob es außerhalb von mir stattfand.“

Im Clinch mit dem Realitätsprinzip

Klar, es gibt sehr viele solcher Coming-of-Age-Stories, und es gibt sie, weil sie von einem wiederkehrenden Prozess der Initiation erzählen, in dem sich auch entscheidet, wie eine oder einer in eine Gesellschaft hineinfindet – oder ob man herausfällt. Deswegen wird ja auch in jeder Generation rückblickend immer wieder davon erzählt, um sich zu vergewissern, was da passiert ist mit einem selbst.

Was „Blackbird“ so besonders macht, so klar, so unabweislich, so bewegend, dass man sich auf ein und derselben Seite kaputtlachen kann, um im nächsten Moment den Tränen nah zu sein, das sind die Sprache, das Gespür für Rhythmus, Szenen, Bilder und Proportion.

Mit Vergleichen soll man ja vorsichtig sein. Auch wenn dies ein Buch über einen 16-Jährigen ist, das tief eingesenkt ist in die siebziger Jahre, was ihm seine unverwechselbare Farbe gibt; auch wenn es vom Tod handelt und davon, wie es einen 16-Jährigen trifft, wenn sein bester Freund stirbt; auch wenn das eine andere Konstellation ist, auch wenn in diesem Alter zwei Jahre ein gewaltiger Abstand sind, erinnert „Blackbird“ in der Eigenheit seines Sounds, in der Empathie, mit der Matthias Brandt den Spuren eines jüngeren Ichs nachgeht, an Wolfgang Herrndorfs „Tschick“.

Auch an „Blackbird“ wird man sich sehr lange erinnern und besonders an diese Träne in dem schönen letzten Satz: „Der Tropfen an Steffis Kinn wurde immer größer, und als er runterfiel, spiegelte sich in ihm die ganze Welt um uns herum.“

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