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Roman von Matthias Brandt : So und nicht anders

Darauf einen Amselfelder

Als Bogis Vater von dessen Krankheit erzählt, stellt Motte sich Herrn Schnellstieg vor, wie der am Telefon steht mit seinen „beigen Cordschlappen mit der zahnfleischfarbenen Sohle“, und es fällt ihm dazu sofort ein, dass Bogi und er die Sohlenfarbe mal definiert haben, indem sie den Hausschuh „zum Vergleich neben das Gebiss der toten Oma gehalten hatten“.

Der Effekt ist, dass in all diesen Ausweichmanövern des Erzählens nicht nur immer mehr von der Lebenswelt des Ich-Erzählers sichtbar wird, sondern sich indirekt auch dessen chaotische, durchgeschüttelte Gefühlswelt erschließt. Beides gehört zusammen: die Beschreibung der Welt und die schwankende Haltung zu Freundschaft, Liebe und Schmerz, und nur so wird am Ende auch klar, „wie groß die Traurigkeit wirklich war“.

Matthias Brandt kann diese altersüblichen Gefühlsverknotungen wunderbar auf den Punkt bringen. Motte ist „sauer auf Bogi, weil ich mein altes Leben wiederhaben wollte“. Er stellt sich den Freund allein im Krankenhaus vor „und dass ich das Gefühl hatte, eigentlich bei ihm sein zu müssen. Aber anstatt dass ich das zum Anlass genommen hätte, sofort zu ihm zu fahren, versuchte ich, nicht mehr an ihn zu denken. So sah es aus.“

Es ist das Alter, in dem die Gefühle nicht zur Zeit und zur Situation passen, und Brandt hat nicht nur einen genauen Blick für diese Lebensphase, wenn die Formatierungen einsetzen, die zum Erwachsenwerden gehören und die auch eine gesellschaftlich akzeptierte Relation von Gefühlen und Situationen herstellen. Er deutet auch an, was in diesem Prozess der Verhaltensstandardisierung verloren geht.

Anmut und Almut

Typisch für das Alter ist es natürlich auch, bei jedem leichten Anflug von Pathos gnadenlos die Luft rauszulassen. Wenn Motte bei Jacqueline fast schon schwärmerisch an das Wort „Anmut“ aus dem Deutschunterricht denkt, kommt sofort hinterher, „dass es blöd klang. Fast wie Almut, und Almut Gerhardts war die dämlichste Kuh in unserer Klasse, wenn nicht überhaupt der ganzen Schule.“

Und über Steffi, die zu Grundschulzeiten mal in eine Heugabel gefallen war und nun eine Schornsteinfegerlehre macht, die direkt sagt, dass sie Motte mag, was für einen schüchternen Typen wie ihn ein ziemliches Kommunikationsproblem schafft, über sie teilt er dann ganz nebenbei und verschämt mit, „dass ich jetzt wusste, wo genau Steffis Heugabelnarben waren“.

So nah Brandt seinen Charakteren ist, so liebevoll er mit ihnen umgeht, er gerät nie in die Naturalismusfalle. Er dürfte lange an dem Sound gearbeitet haben, so wie man bei einem Film in der Mischung immer wieder Kleinigkeiten verändert, bis es stimmig ist: nie zu anbiedernd, nicht zu viel Slang, keine vorsätzlich schiefe Grammatik oder andere vermeintliche Authentizitätsmerkmale.

Auch nicht zu viele Sätze, die in erster Linie als zitierfähige Sprüche rüberkommen. Er hat ein Talent für einprägsame Namen und Spitznamen wie „Neandertal-Klaus“, den schulbekannten Kiffer, der völlig stoned von „ausgenommener Erlassenheit“ spricht. Und er charakterisiert einen superkumpeligen Sozialkundelehrer schon durch dessen Frisur, „die alle hatten, die mal langhaarig gewesen und jetzt zu feige waren, weiter so rumzulaufen“.

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