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Bibliotheken erzeugen Strom : Lesen und Trainieren gehört zusammen

Ergometer in der Philologischen Bibliothek der FU Berlin Bild: Foto Janet Wagner

Einst Bücherlager, heute Treffpunkt mit Kaffeeausschank und Lesebrillenverleih: Die Rolle der Bibliotheken hat sich gewandelt. Sollen wir dafür dankbar sein?

          Wer jemals im Sommer im kanadischen Polarstädtchen Inuvik gestrandet ist, vor lauter Jetlag im Hotelzimmer in einen wirren Schlaf gefallen, irgendwann aufgewacht ist und durch das Fenster ins gleißend Helle geblickt hat, ohne Aussicht auf Klärung der Frage, ob es nun Mittag oder Mitternacht ist (weil die Sonne ja sowieso ständig scheint und der Blick auf die analoge Armbanduhr auch nicht weiterhilft), der wird seine Orientierung am ehesten hinter der Wellblechfassade der öffentlichen Bibliothek des 3200-Einwohner-Orts wiedergefunden haben. Dort gibt es nicht nur Bücher, Filme und CDs, sondern auch Internetzugang für jeden, der mit oder ohne Bibliotheksausweis vorbeikommt und wissen will, wie die Dinge in der Welt jenseits der Tundra an den Ufern des Mackenzie-Flusses gerade stehen.

          Die geänderte Auffassung darüber, was Bibliotheken eigentlich sein sollen, hat auch den äußersten Norden erreicht, vielleicht entspringt sie sogar Verhältnissen wie denen an der kanadischen Eismeerküste, wo es an Begegnungsmöglichkeiten mangelt: Aus den Bücher-Ausleihstationen von einst, die sich irgendwann anderen Medien öffneten, sind Orte geworden, an denen wir möglichst lange verweilen sollen, die nicht nur bequeme Lesemöbel und abgeschiedene Arbeitskabinen für uns bereithalten, sondern auch Zeitungen und Lesebrillen unterschiedlicher Stärke. Wir können dort Klavierspielen, unsere alten Schallplatten digitalisieren, an Lesungen oder Computerspielwettkämpfen teilnehmen und unsere elektronischen Geräte aufladen. Und wenn wir irgendwann dann doch nach Hause gehen, nehmen wir vielleicht ein paar in der Bibliothek entliehene Kunstwerke für die heimischen Wände mit.

          All dies ist Grund genug zur Dankbarkeit. Aber wie zeigt man sie? In der Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin wurde nun ein Angebot erprobt, wie der Benutzer dem Haus etwas zurückgeben kann. Im Lounge-Bereich der dritten Etage wurde im Januar zu Testzwecken ein Fahrradergometer aufgestellt, mit dem Strom erzeugt werden kann, der wiederum Laptops und Handys auflädt. Ein Tisch, in passender Höhe gegenüber der Sitzfläche angebracht, ermöglicht es, beim Strampeln zu lesen und zu lernen, so dass dem Benutzer keine Zeit verloren geht, während er dem Haus seinen Dank abstattet.

          Bibliothek und Fitnessstudio

          Jetzt ist die Testphase vorüber, das Gerät sei „sehr gut angenommen“ worden, sagt die Bibliothek. Übrigens, meint die Bibliothekarin Janet Wagner, die sich das Ganze ausgedacht und wissenschaftlich begleitet hat, wirkten sich „kurze, leichte Bewegungseinheiten positiv auf Konzentration und Aufmerksamkeit“ aus. Umgekehrt wüsste man gern, ob sich auch das Lesen positiv auf den Sport auswirkt. Dann stünde dem Zusammenwachsen dessen, was offensichtlich zusammengehört, die Bibliothek und das Fitnessstudio, nichts mehr im Wege. Hoffentlich sieht das jeweilige Publikum das ein.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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