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Buchmesse-Gastland Tschechien : Sehnsucht nach Mitteleuropa

Ein paar Schritte weiter saß er wirklich oft im Kaffeehaus: David Černys elf Meter hoher Kafka-Kopf in Prag. Bild: dpa

An diesem Mittwoch wird die Leipziger Buchmesse eröffnet. Tschechien ist Gastland und bringt mehr als sechzig Autoren mit. Es sind Grenzgänger zwischen Geschichte und Gegenwart, Wirklichkeit und Phantasie.

          Seinem dreißig Jahre jüngeren Ich eine Stunde lang ins Auge zu sehen, ist nichts für Feiglinge. Allerdings ist Feigheit das letzte, was man in den drei Frauen vermuten würde, die an diesem Abend in den Hörsaal der Prager Karls-Universität am Moldauufer gekommen sind, um von der Zeit zu erzählen, aus der die Fotos am anderen Ende des Raums stammen: Sie zeigen den Protest der Studenten, die hier im November und Dezember 1989 die Universität bestreikten und verbotene Autoren und Sänger zu Auftritten einluden. Das war, auch wenn fast überall in Osteuropa die Macht der Kommunisten damals schon ins Wanken geraten war, eine gefährliche Sache: „Wir hörten, dass die Panzer aufgefahren waren, und nahmen uns bei den Händen“, erinnert sich die Übersetzerin Zuzana Rebcová, damals neunzehn. Und sie berichtet von der Hilfe, die sie von der Bevölkerung erhielten: „Leute kamen in die Uni und brachten Äpfel, Geld oder Kuchen. Ein alter Mann brachte Erdbeersirup in einem Blechkanister aus dem zweiten Weltkrieg – er sagte, er hätte ihn für einen besonderen Moment aufgespart, und der sei jetzt. Sehr berührend. Aber niemand hat es gewagt, den Kanister zu öffnen.“ Die Studenten schliefen in den Hörsälen, feierten Partys, richteten ein Pressezentrum ein, um der tendenziösen Berichterstattung der staatlichen Medien über die Proteste etwas entgegenzusetzen und gingen in die Fabriken, um zu den Arbeitern zu sprechen – was diese gegen die Geschäftsführer erzwangen. „Wir waren aber auch niedlich“, sagt Rebcová.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Erinnerung an die erfolgreiche Samtene Revolution von 1989, an die Gründung des tschechoslowakischen Staats im Oktober 1918 oder an die Niederschlagung des Prager Frühlings vor gut fünfzig Jahren ist präsent in Prag – vor der Karls-Universität liegen Kränze, um an den Studenten Jan Palach zu erinnern, der sich im Januar 1969 aus Protest gegen den russischen Einmarsch in der Tschechoslowakei verbrannte. Und sie ist präsent in der tschechischen Gegenwartsliteratur. Tschechien ist offizielles Gastland der Leipziger Buchmesse, die heute Abend eröffnet wird. Dafür hat das Organisationsteam um Tomáš Kubíček, Literaturwissenschaftler und Direktor der Mährischen Landebibliothek in Brünn, ein „tschechisches Jahr“ ausgerufen, sechzig Autoren nach Leipzig eingeladen, Ausstellungen und Lesungen organisiert und vor allem die Übersetzung von mehr als siebzig Büchern ins Deutsche gefördert – normalerweise erscheinen im Jahr zwischen fünf und zehn tschechische Titel bei uns.

          Franz Kafka und Max Brod waren hier oft zu Gast

          Der Blick der Autoren geht oft zurück, auf Bereiche, die früher weniger beleuchtet wurden wie etwa das Schicksal der deutschsprachigen Bevölkerung in der Tschechoslowakei vor und nach 1945. So erzählt die 1980 geborene Kateřina Tučková in ihrem Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“ von der Tochter eines deutsch-tschechischen Elternpaares, die den berüchtigten Brünner Todesmarsch überlebt und ihrer Herkunft wegen in der Tschechoslowakei diskriminiert wird. Bereits vor einigen Jahren erschien Jakuba Katalpas Roman „Die Deutschen. Geographie eines Verlusts“, der eine junge Tschechin nach ihrer deutschen Großmutter suchen lässt und die Traumata schildert, die in beiden Zweigen der Familie bestehen. Und der tschechische Autor Jaroslav Rudiš schickt in seinem Roman „Winterbergs letzte Reise“ (F.A.Z. vom 16. März) zwei in Berlin lebende Exiltschechen aus dem ehemaligen Grenzgebiet durch Mitteleuropa und lässt sie eine historische Schicht erkunden, die von Mehrsprachigkeit bestimmt ist.

          Bilderstrecke

          „Wenn wir uns hier um 1918 getroffen hätten“, sagt Rudiš beim Mittagessen im Café Louvre in Prag, „dann wären wir hier lauter Menschen begegnet, die mühelos zwischen Deutsch und Tschechisch wechselten.“ Das Café mit seinen hohen Räumen und riesigen Fenstern, begründet 1902 und wiedereröffnet 1992, liegt einen Steinwurf vom noch berühmteren Café Slavia entfernt in der Prachtstraße Narodni. Franz Kafka und sein Freund Max Brod waren hier oft zu Gast, und ein paar Schritte weiter hat der Künstler David Černy 2014 einen elf Meter hohen Kafka-Kopf aus glitzerndem Metall hingestellt, unterteilt in 42 drehbare Schichten, eine äußerst irritierende Touristenattraktion mit ständig verschwimmenden Konturen.

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