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Belletristische Überproduktion : Die Romanschinder

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Die jährliche Bücherflut bringt nicht immer mehr Meisterwerke hervor, sondern sie fördert das Mittelmaß. Bild: Lüdecke, Matthias

Auf immer weniger Leser kommen immer mehr Bücher. Viele Romanautoren schreiben trotzdem wie am Fließband. Wenn das so weitergeht, nimmt die Literatur Schaden.

          5 Min.

          Das ist das große Paradox der deutschen Literatur: Seit Jahren kaufen immer weniger Menschen immer weniger Bücher, aber gleichzeitig werden immer mehr Bücher produziert. Während Buchhandlungen schließen, Verlage vor dem Aus stehen und Autoren über immer geringere Auflagen und schwindendes Interesse klagen, wird aufgelegt, was auch immer zwischen zwei Buchdeckel geht.

          Das ist nicht nur ein ökonomisches, es ist auch ein literarisches Problem. Denn die Bücherflut bringt ja nicht immer mehr Meisterwerke hervor, sondern sie fördert das Mittelmaß. So saß neulich Andreas Maier auf einem Frankfurter Podium und sprach von sich selbst - durchaus vergnügt - als „Literaturheini“, dem sein Erstling „Wäldchestag“ aus dem Jahr 2000 längst in weite Ferne gerückt sei, denn schließlich veröffentliche er seither mindestens alle zwei Jahre ein neues Buch. Als nächstes wird „Die Straße“ erscheinen, der dritte Band seines in elf Romanfolgen angekündigten Großwerks „Ortsumgehung“; den Auftakt bildete 2010 „Das Zimmer“.

          Verlage mit einzigartigem Profil sterben aus

          Mit seiner fröhlichen Selbstbeschreibung benannte der Schriftsteller eine Entwicklung, die immer mehr Autoren betrifft. Juli Zeh, Silke Scheuermann, Thomas Glavinic, Thomas von Steinaecker, Alex Capus, Ferdinand von Schirach - viele haben ihren Publikationsrhythmus auf alle ein bis zwei Jahre getrimmt. Und die Verlage machen mit.

          Andreas Maier, bloß ein „Literaturheini“?
          Andreas Maier, bloß ein „Literaturheini“? : Bild: Fricke, Helmut

          Man fragt sich, warum. Wo sind die Verleger, die es noch wagen, einem Autor sein Manuskript zurückzugeben mit dem Hinweis, er möge die Sache lieber erst einmal ruhenlassen und dann nochmals überarbeiten? Wo die Lektoren, die ihrem Gegenüber sagen, dass es sich wiederholt? Stattdessen werden eingeführte Schriftsteller geradezu ermuntert, ein work in progress recht bald abzuschließen. Dabei müssten gerade in Zeiten, in denen scheinbar alles gedruckt wird und die Urtugenden der Verlage von Self Publishern obsolet gemacht werden sollen, die literarischen Häuser durch ihre Auswahl bestechen und überzeugen. Doch Verlage mit einzigartigem Profil sterben aus. Wer keine Thriller-, Fantasy-, Humor- oder sonstige Schmökerhoffnung im Programm hat, der macht nebenbei in Kalendern, Ratgebern oder Kochbüchern. Dass die Literatur nur noch dank solcher Querfinanzierung stattfindet, merkt man den Programmen leider immer häufiger an.

          Den zahlreichen Vielschreibern stehen wenige enigmatische Einsiedler gegenüber. So gab es Rezensenten, die Jonathan Franzen bei Erscheinen von „Freiheit“ 2010 allen Ernstes vorhielten, dass der amerikanische Romancier seit seinen „Korrekturen“ neun Jahre habe verstreichen lassen, bevor er ein neues erzählerisches Werk vorlegte. Der implizite Vorwurf lautete: Kein Autor dürfe sich heutzutage eine derartige Ineffizienz leisten und so viel Zeit brauchen, um etwas Neues hervorzubringen. Zwischen den Zeilen lauerte der andere, mindestens ebenso bittere Vorwurf, den auch ein Daniel Kehlmann oder ein Uwe Tellkamp kennen: Der kann es sich halt leisten.

          Denn die Fortüne, dass Können und Erfolg mindestens einmal kongruent waren, wird nur wenigen zuteil. Der Buchmarkt mag medienerprobter und fernsehaffiner geworden sein, die Autoren professioneller in ihren Auftritten und in ihrer Selbstvermarktung - doch vom Schreiben leben, gar gut, können nach wie vor die wenigsten. Laut einer Umfrage des „Stern“ kommen Autoren auf ein durchschnittliches Monatseinkommen von 955 Euro brutto. Auch Verleger und Agenten bestätigen, dass sich die Einkommenssituation und damit die Arbeitsbedingungen verschlechtern.

          Überproduktion und Überdruss

          So hat die Zahl der Lesungen stark abgenommen; viele Buchhandlungen und Literaturforen haben ihre Veranstaltungen reduziert. Da Lesereisen aber für viele Schriftsteller eine Haupteinnahmequelle darstellen, macht sich dieser Wandel besonders bemerkbar. Dabei ähnelt die Hierarchie auch hier einem Erfolgsranking: Wer sich nicht halbwegs gut verkauft, hat wenig Chancen, überhaupt zu einer Lesung eingeladen zu werden. Die Dotierung von Stipendien und Arbeitsaufenthalten ist vielfach zurückgegangen, anders als die nach wie vor stattliche Zahl der Literaturpreise, da bleiben wir Weltführer.

          Arm wie bei Spitzweg mögen die Poeten also noch sein, doch ihr Arbeitsalltag hat sich rasant verändert. Das Dachstübchen im Elfenbeinturm ist heute allenfalls ein Sehnsuchtsort zwischen Podiumsdiskussionen, Interviews, Lesungen, Poetikdozenturen, Fernsehauftritten, Fototerminen und Reisen. Auftritte abzusagen muss man sich leisten können. All das hat das Schreiben unterwegs zur Normalität gemacht - Feridun Zaimoglu hat einmal gesagt, er sei von 365 Tagen höchstens an knapp hundert zu Hause. Dass das unruhige und oberflächliche Arbeiten während solcher Buchtourneen dem Schreiben nicht förderlich ist, liegt auf der Hand.

          Das Neue ist nicht neu: Thomas Glavinic
          Das Neue ist nicht neu: Thomas Glavinic : Bild: Godany, Jacqueline

          Nun gehören viele der Genannten wie Andreas Maier und Thomas Glavinic fraglos zu den besten und interessantesten Schriftstellern ihrer Generation, und keines ihrer Werke soll hier für überflüssig erklärt werden. Aber dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur voll ist von Autoren, die sich binnen kürzester Zeit in unseren Regalen auffällig breitmachen, ohne sich schriftstellerisch im selben Maße weiterzuentwickeln, das ist ein Verlust - für die Verlage, die dadurch weniger Neues entdecken; für die Leser, die mit der Produktion selbst ihrer Lieblingsautoren kaum mehr mitkommen, und nicht zuletzt für die Kritik, wo die unermüdliche Wiederkehr der Immergleichen ebenfalls zu Staus führt.

          Der größte Schaden aber trifft die Literatur selbst. Was Erfolg hatte, wird wiederholt oder nachgeahmt, und weil Experimente ja auch schiefgehen können, wird Bewährtes lediglich variiert. Innovatives, Riskantes und Überraschendes bleibt die Ausnahme. Andreas Maier, der früher so unterschiedliche Werke wie „Klausen“ (2002) und „Kirillow“ (2005) aufeinanderfolgen ließ, schreibt sich nun durch sein Leben und die Wetterau. Maier geht es offenkundig nicht darum, den einen großen Roman zu schreiben, sondern vielmehr darum, einen Werkfluss zu schaffen.

          Das Wiedererkennen gehört zum Konzept: Martin Suter
          Das Wiedererkennen gehört zum Konzept: Martin Suter : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Thomas Glavinic hingegen sucht sich mit jedem neuen Buch selbst zu übertreffen. In Kürze erscheint sein dritter Jonas-Roman. Im ersten Buch war die Hauptfigur der letzte Mensch auf Erden, beim zweiten Mal gingen all ihre Wünsche tragischerweise in Erfüllung, und auch diesmal beschert Glavinic seinem Helden eine Grenzerfahrung: die Besteigung des Mount Everest mit Rückblenden, in denen die Vergangenheit die Gegenwart irgendwann einholt. „Radikal“ ist die Bezeichnung, die in Bezug auf Glavinics Literatur gern verwendet wird, doch wie radikal kann einer dauernd sein? So kommt einem plötzlich alles bekannt vor und das Neue nicht neu, sondern als Mischung bekannter Motive, Topoi und Erzählweisen. Viel schreiben allein ist eben keine Garantie, um zu bleiben.

          Dabei hat es immer Autoren gegeben, große Autoren, die mit ihrem Schreibrhythmus zu Überproduktion und gelegentlich auch Überdruss beitrugen, aber nie Überflüssiges publizierten. Peter Handke schreibt seit Jahrzehnten praktisch jährlich ein Buch, Hans Magnus Enzensberger ebenso, und Martin Walser hat allein im vergangenen Jahrzehnt eine Kreativität entwickelt, die ihresgleichen in der jüngeren Generation sucht. Denn mit jedem Werk betritt Walser Neuland, wenn nicht thematisch, dann formal.

          Thomas Lehr: „Sich selbst zu misstrauen macht Arbeit.“
          Thomas Lehr: „Sich selbst zu misstrauen macht Arbeit.“ : Bild: Röth, Frank

          Nach einem Erfolg entwickele man sich nicht weiter: So drückte es jüngst im Gespräch Thomas Lehr aus, der nach so stilistisch, formal und thematisch unterschiedlichen Werken wie „Nabokovs Katze“ (1999), „42“ (2005) und „September. Fata Morgana“ (2010) an einem neuen Roman arbeitet, der aber noch lange nicht fertig sei. Arno Geiger hat sich nach dem eindrucksvollen Eheroman „Alles über Sally“ (2010) und dem großen Vater- und Alzheimerbuch „Der alte König in seinem Exil“ (2011) ebenfalls zurückgezogen, um in Ruhe an einem neuen Buch zu schreiben. Die Spannung, mit der im vergangenen Herbst etwa der „Atlas eines ängstlichen Mannes“ erwartet wurde, Christoph Ransmayrs erster Roman seit sechs Jahren, hat eben nicht zuletzt mit jener Aura zu tun, die ein Kunstwerk in Zeiten seiner fortwährenden eigenen Reproduktion nicht mehr automatisch besitzt. Im postheroischen Zeitalter hat sich der Pragmatismus auf die Urheber übertragen, die kaum noch den alten auratischen Dichtergestus pflegen, sondern lieber den des Handwerkers, der statt Werken für die Ewigkeit Gebrauchstexte für eine Saison liefert.

          Dem in rascher Folge Produzierten haftet schnell etwas Fabrikmäßiges an, das man sonst vor allem mit Kriminalschriftstellern assoziiert: Die neue Donna Leon oder der neue Martin Suter leben regelrecht davon, dass sie den Leser nicht überraschen. Vielleicht halten es zu wenig deutsche Autoren mit der Erkenntnis ihres Kollegen Thomas Lehr: „Sich selbst zu misstrauen macht Arbeit, lohnt sich aber.“

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