https://www.faz.net/-gr0-7ayn6

Belletristische Überproduktion : Die Romanschinder

  • -Aktualisiert am

Arm wie bei Spitzweg mögen die Poeten also noch sein, doch ihr Arbeitsalltag hat sich rasant verändert. Das Dachstübchen im Elfenbeinturm ist heute allenfalls ein Sehnsuchtsort zwischen Podiumsdiskussionen, Interviews, Lesungen, Poetikdozenturen, Fernsehauftritten, Fototerminen und Reisen. Auftritte abzusagen muss man sich leisten können. All das hat das Schreiben unterwegs zur Normalität gemacht - Feridun Zaimoglu hat einmal gesagt, er sei von 365 Tagen höchstens an knapp hundert zu Hause. Dass das unruhige und oberflächliche Arbeiten während solcher Buchtourneen dem Schreiben nicht förderlich ist, liegt auf der Hand.

Das Neue ist nicht neu: Thomas Glavinic
Das Neue ist nicht neu: Thomas Glavinic : Bild: Godany, Jacqueline

Nun gehören viele der Genannten wie Andreas Maier und Thomas Glavinic fraglos zu den besten und interessantesten Schriftstellern ihrer Generation, und keines ihrer Werke soll hier für überflüssig erklärt werden. Aber dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur voll ist von Autoren, die sich binnen kürzester Zeit in unseren Regalen auffällig breitmachen, ohne sich schriftstellerisch im selben Maße weiterzuentwickeln, das ist ein Verlust - für die Verlage, die dadurch weniger Neues entdecken; für die Leser, die mit der Produktion selbst ihrer Lieblingsautoren kaum mehr mitkommen, und nicht zuletzt für die Kritik, wo die unermüdliche Wiederkehr der Immergleichen ebenfalls zu Staus führt.

Der größte Schaden aber trifft die Literatur selbst. Was Erfolg hatte, wird wiederholt oder nachgeahmt, und weil Experimente ja auch schiefgehen können, wird Bewährtes lediglich variiert. Innovatives, Riskantes und Überraschendes bleibt die Ausnahme. Andreas Maier, der früher so unterschiedliche Werke wie „Klausen“ (2002) und „Kirillow“ (2005) aufeinanderfolgen ließ, schreibt sich nun durch sein Leben und die Wetterau. Maier geht es offenkundig nicht darum, den einen großen Roman zu schreiben, sondern vielmehr darum, einen Werkfluss zu schaffen.

Das Wiedererkennen gehört zum Konzept: Martin Suter
Das Wiedererkennen gehört zum Konzept: Martin Suter : Bild: Eilmes, Wolfgang

Thomas Glavinic hingegen sucht sich mit jedem neuen Buch selbst zu übertreffen. In Kürze erscheint sein dritter Jonas-Roman. Im ersten Buch war die Hauptfigur der letzte Mensch auf Erden, beim zweiten Mal gingen all ihre Wünsche tragischerweise in Erfüllung, und auch diesmal beschert Glavinic seinem Helden eine Grenzerfahrung: die Besteigung des Mount Everest mit Rückblenden, in denen die Vergangenheit die Gegenwart irgendwann einholt. „Radikal“ ist die Bezeichnung, die in Bezug auf Glavinics Literatur gern verwendet wird, doch wie radikal kann einer dauernd sein? So kommt einem plötzlich alles bekannt vor und das Neue nicht neu, sondern als Mischung bekannter Motive, Topoi und Erzählweisen. Viel schreiben allein ist eben keine Garantie, um zu bleiben.

Dabei hat es immer Autoren gegeben, große Autoren, die mit ihrem Schreibrhythmus zu Überproduktion und gelegentlich auch Überdruss beitrugen, aber nie Überflüssiges publizierten. Peter Handke schreibt seit Jahrzehnten praktisch jährlich ein Buch, Hans Magnus Enzensberger ebenso, und Martin Walser hat allein im vergangenen Jahrzehnt eine Kreativität entwickelt, die ihresgleichen in der jüngeren Generation sucht. Denn mit jedem Werk betritt Walser Neuland, wenn nicht thematisch, dann formal.

Thomas Lehr: „Sich selbst zu misstrauen macht Arbeit.“
Thomas Lehr: „Sich selbst zu misstrauen macht Arbeit.“ : Bild: Röth, Frank

Nach einem Erfolg entwickele man sich nicht weiter: So drückte es jüngst im Gespräch Thomas Lehr aus, der nach so stilistisch, formal und thematisch unterschiedlichen Werken wie „Nabokovs Katze“ (1999), „42“ (2005) und „September. Fata Morgana“ (2010) an einem neuen Roman arbeitet, der aber noch lange nicht fertig sei. Arno Geiger hat sich nach dem eindrucksvollen Eheroman „Alles über Sally“ (2010) und dem großen Vater- und Alzheimerbuch „Der alte König in seinem Exil“ (2011) ebenfalls zurückgezogen, um in Ruhe an einem neuen Buch zu schreiben. Die Spannung, mit der im vergangenen Herbst etwa der „Atlas eines ängstlichen Mannes“ erwartet wurde, Christoph Ransmayrs erster Roman seit sechs Jahren, hat eben nicht zuletzt mit jener Aura zu tun, die ein Kunstwerk in Zeiten seiner fortwährenden eigenen Reproduktion nicht mehr automatisch besitzt. Im postheroischen Zeitalter hat sich der Pragmatismus auf die Urheber übertragen, die kaum noch den alten auratischen Dichtergestus pflegen, sondern lieber den des Handwerkers, der statt Werken für die Ewigkeit Gebrauchstexte für eine Saison liefert.

Dem in rascher Folge Produzierten haftet schnell etwas Fabrikmäßiges an, das man sonst vor allem mit Kriminalschriftstellern assoziiert: Die neue Donna Leon oder der neue Martin Suter leben regelrecht davon, dass sie den Leser nicht überraschen. Vielleicht halten es zu wenig deutsche Autoren mit der Erkenntnis ihres Kollegen Thomas Lehr: „Sich selbst zu misstrauen macht Arbeit, lohnt sich aber.“

Weitere Themen

In jeder Hinsicht abgesichert Video-Seite öffnen

Filmkritik „Und morgen die ganze Welt“ : In jeder Hinsicht abgesichert

Der neue Spielfilm von Julia von Heinz erkundet, ob rechte Gewalt mit Gewalt von Links ausgeglichen werden kann. Dabei macht der Film vieles richtig, doch will auf gar keinen Fall anecken. Die Video-Filmkritik von Bert Rebhandl.

Topmeldungen

Frontex-Mitarbeiter bergen im März 2016 vor der griechischen Insel Lesbos Migranten aus dem Mittelmeer (Archivbild)

Illegale Pushbacks? : Zurück in die Türkei

Athen brüstet sich damit, dass es Migranten von der irregulären Einreise abhält, auch auf dem Seeweg. Doch nach EU-Recht ist das nicht erlaubt. Jetzt sieht sich die Grenzschutzbehörde Frontex bohrenden Fragen ausgesetzt.

iPhone 12 im Praxistest : Die Tempomacher

Mit den neuen iPhones 12 bringt Apple 5G aufs Smartphone. Zum Test mit dem 12 Pro waren wir mit einer Sim-Karte der Telekom unterwegs. Einige der ersten Messungen in der Praxis waren überraschend.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.