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Kolumne „Bild der Woche“ : Augen weit geschlossen

  • -Aktualisiert am

Frauenmarsch am 19. September 2020 Bild: Vadim Zamirovski / TUT BY

Der Protest in Minsk hat Tausende Gesichter und Geschichten. Diese alte Frau sendet ein SOS. Wie lange braucht der Westen dazu, angesichts der Gewalt, die in Belarus gegen das Volk ausgeübt wird, ihr Signal zu entschlüsseln und zu antworten?

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          „Umarmen!“ war meine erste Reaktion, als ich diese alte Frau gesehen habe, wie sie weinend ihr Gesicht in den Händen verbirgt. Hier, in Minsk, neben einem Einkaufszentrum, wo gerade einer der inzwischen wöchentlichen Frauenmärsche geendet hat. Viele hielten ein Blatt Papier in den Händen mit drei Buchstaben: „SOS“. Manche Frauen waren mit Glitzerfarbe geschmückt, um festlich für die eigenen Rechte zu demonstrieren. Über 300 Frauen wurden verhaftet. Diese alte Frau ist keine Heldin, sie steht als Zeugin am Rande. Ich kenne solche Frauen. Mein Herz fällt herab. Ich fühle Ohnmacht, vielleicht ganz ähnlich, wie die Frau in diesem Moment, als sie die Massenverhaftungen sieht. Aber genau ihre Anwesenheit, ihre Reaktion bringt die Generationen in Minsk zueinander und verbindet auch uns hier mit dem Geschehen dort.

          „Unser Protest hat ein weibliches Gesicht“, dieser Slogan paraphrasiert den Titel des Buches von Swetlana Alexijewitsch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“. Alexijewitsch selbst hielt sich bis gestern in Minsk auf und schwebte in ständiger Gefahr. Jahrelang gab es in Belarus nichts Neues, nur hin und wieder ein paar Zeilen über einen lächerlichen Diktator, „dessen Namen ich aus ethisch-hygienischen Gründen nicht nennen möchte“, wie eine junge Frau bei einer Belarus-Kundgebung in Berlin sagte. Es war nicht schwer gewesen, dieses Land zu ignorieren, da es kaum Berichte und Bilder gab, die uns mit ihm verbanden. Ich hatte aber nur eine vage Vorstellung im Kopf von langen menschenleeren Prospekten. Die Namen der Städte – Minsk, Homel, Mahiljou, Hrodna, Wizebsk und Brest – kennt man im Deutschen fast nur in Bezug auf Krieg und Holocaust.

          Mehr als sieben Wochen bereits dauern die Proteste, denen vom ersten Tag an mit brutalen Verhaftungen begegnet wird. Die Demonstrierenden bleiben friedlich und zeigen Mut. Mit ihren Märschen, Kundgebungen und Streiks gegen Wahlfälschung und Gewalt haben die Menschen ihr Land zurückerobert, aber sie haben noch nicht gesiegt.

          Ich habe nach einem Foto gesucht, das den Geist des Protestes verkörpert. Was hätte es sein können? Ein Bild der legendären Rentnerin Nina Baginskaja, die seit der Perestrojka-Zeit auf ihren einsamen „Spaziergängen“ für demokratische Werte demonstriert und die nun auch am letzten Samstag verhaftet wurde? Oder ein Bild von Marija Kolesnikowa, die einer der unverkennbaren Köpfe der Opposition ist, vielleicht wie sie in Stuttgart beim „Eclat“-Festival für Neue Musik die Bassflöte spielt? Vielleicht auch eines der vielen Bilder mit einer elegant gekleideten lächelnden Frau, die von maskierten Männern abgeführt wird? Oder von den anderen, die sich wehren, die getragen und gezogen werden? Soll es eine Frau sein, die mit Zorn und Verzweiflung auf mehrere Reihen von Sonderpolizisten blickt? Oder ein Drohnen-Bild, das die bis zum Horizont gefüllten Straßen zeigt, mit Menschen, die wie bunte Samenkörner wirken, was mich glauben lässt, dass der Protest fruchtbar wird? Ich denke an den Mann mit dem Transparent „Wir werden nicht vergessen, wir werden nicht verzeihen“, einem Schwur, der – wie sich jeder in Belarus erinnert – der deutschen Wehrmacht galt, die dieses Land wie kein anderes mit Zerstörung überzogen hat, und der nun gegen die eigene Regierung gerichtet wird.

          Der Protest ist nicht auf ein Foto zu reduzieren, denn er hat Tausende Gesichter und Geschichten. Auf diesem Bild sieht man links Frauen in Pressewesten und rechts Sonderpolizisten, die protestierende Frauen an die Wand drücken, um sie zu verhaften. Die weißhaarige alte Frau versucht mit ihren Händen das soeben Gesehene, das Unfassbare aus ihren Augen herauszudrücken. Sie trägt eine Mütze wie auf den Bildern von Marc Chagall – aus Wizebsk – und ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Sharm El-Sheikh“, dem Namen der ägyptischen „Friedensstadt“, in der während des Sechstagekriegs UN-Truppen standen. Hat sie das T-Shirt vom Secondhandladen? Alles scheint miteinander verbunden zu sein, und kein Geschehen wird versteckt. Das Buch „Secondhand-Zeit“ von Alexijewitsch schildert die mentale Gefangenschaft im sowjetischen Jahrhundert. Die alte Frau steht auf der Schwelle und sendet ein SOS! Wie lange braucht der Westen dazu, angesichts der Gewalt, die in Belarus gegen das Volk ausgeübt wird, ihr Signal zu entschlüsseln und zu antworten?

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