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Literaturfestival in Odessa : Die ausgeschlagenen Zähne sind noch zu heilen

Denkmal für den Kosakenführer Anton Golovaty in Odessa Bild: Picture-Alliance

Flüchtlinge und Fluchtkapital in der Ukraine: Auf dem internationalen Literaturfestival in Odessa bekämpfen Autoren und Architekten die herrschende Gesetzlosigkeit.

          Das zweite internationale Literaturfestival in Odessa fällt ins zweite Jahr nach dem russischen Überfall auf die Ostukraine, da der hybride Kriegszustand chronisch geworden ist. Schriftsteller aus Ost- und Westeuropa sowie aus Tunesien, Argentinien, Indonesien, diesmal aber auch europäische Architekten trafen sich, eingeladen vom Direktorenduo Ulrich Schreiber und Hans Ruprecht und mit Unterstützung durchs Auswärtige Amt, in der ukrainischen Schwarzmeerhafenstadt, die durch ihre unverwüstliche Aufgeschlossenheit prädestiniert scheint für Gespräche über Flüchtlinge und Nationalismen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Odessa, das, wie die Ukraine überhaupt, einen beträchtlichen Teil der gut ausgebildeten jüngeren Generation, der nach Westen gezogen ist, verlor, freut sich gleichwohl, weil viele frühere Krim-Touristen jetzt hierherkommen, über einen kleinen Boom. Restaurants und Cafés sind voll bis in die Nacht, im Zentrum haben schicke neue Boutiquen eröffnet. Nur dass die Folkpopsängerin auf der Uferpromenade ständig Ukraine-Songs in ihr Mikrofon schmettert, lässt spüren, dass das Land Krieg führt. Doch auch die neuen Geschäfts- und Appartementklötze, die mit dem Segen der Verwaltung die Küste von Odessa verschandeln, werden von vielen Einwohnern wie ein Krieg gegen die Stadt empfunden.

          Etliche ukrainische Festivalgäste sind russischsprachige Autoren aus dem besetzten Donezk, die heute in Kiew leben. Einer, der noch 2013 mit dem Russischen Literaturpreis ausgezeichnete Wladimir Rafejenko, verteidigt im prächtigen goldenen Saal des Literaturmuseums die Bewohner von Donezk. Dort lebten, wie in Odessa, mehr als hundert Nationalitäten friedlich zusammen. Einen russischen Nationalismus gebe es nicht, versichert Rafejenko mit melancholisch umflortem Gesichtsausdruck; vielmehr habe der russische Geheimdienst gesellschaftlich Marginalisierte instrumentalisiert. Er verstehe sich als Teil der russischen Kultur, bekennt Rafajenko, könne aber Russland den Waffengang gegen die Ukraine nicht verzeihen. Leider spiele auch die ukrainische Politik am liebsten billig populistische Karten aus wie die der Sprachfrage, bedauert er. Die rund anderthalb Millionen Binnenflüchtlinge im Land bekommen, wenn sie anerkannt werden, eine Unterstützung von dreizehn Euro monatlich, müssten aber in erniedrigenden bürokratischen Prozeduren ständig ihre politische Zuverlässigkeit beweisen. Hochqualifizierte konzentrierten sich vor allem in Kiew, wo Vermieter oft Donezker prinzipiell ablehnen, weiß Rafajenko. Weshalb viele Geflohene, deren Ersparnisse erschöpft sind, dorthin zurückkehrten, wo sie wenigstens noch eine Bleibe haben.

          Verhörter und malträtierter Künstler

          Der Donezker Künstler Sergej Sacharow war sogar sechs Wochen bei den Rebellen in Gefangenschaft. Aus seiner Geschichte hat er, gemeinsam mit dem ebenfalls aus Donezk geflohenen Autor Sergej Mazurkewitsch, einen Doku-Roman in Bildern namens „Das Loch“ (erschienen im Verlag Luta Sprava) gemacht, den er beim Festival vorstellt. Sacharow wurde verhaftet, weil er Donezk mit Bildsatiren auf den russischen Rebellenführer Igor Strelkow schmückte.

          Mit nervigen, durch Lasuren expressiv schattierten Federzeichnungen in Schwarzweiß vergegenwärtigt der Künstler die Demonstrationen im Frühjahr 2014, aber auch städtische Gelegenheitsganoven, die plötzlich mit Waffen fuchtelten. Verhört wurde Sacharow von russischen Geheimdienstprofis, bewacht und malträtiert von Söldnern aus der Region sowie aus Russland, die dreimal seine Erschießung inszenierten. Als Gefängnis diente der Keller eines Wohnhauses. Wenn die Häftlinge durchs Treppenhaus zur Toilette geführt wurden, hörten sie manchmal von unten die Schreie der Gefolterten und von oben Kindergeschrei. Die völlige Gesetzlosigkeit hatte den Vorteil, dass Sacharow mit einigem Geschick seine Freilassung erwirkte.

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