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Schriftsteller Sergej Lebedew : Jede Flucht ist eine Wette mit dem Tod

  • -Aktualisiert am

Wer Sibirien nicht kennt, kennt Russland nicht: Überreste eines Straflagers im fernöstlichen Tschukotka Bild: AKG/Universal Images Group

Er war in Russland Investigativjournalist auf verlorenem Posten und wurde darum Schriftsteller. In seinen Büchern jagt er die jüngere Geschichte seines Landes, als sei sie eine giftige Schlange. Eine Begegnung mit Sergej Lebedew.

          12 Min.

          Als sich im November 2014 eine Schar deutschsprachiger Literaten in Freiburg versammelte, war die Stimmung ausgelassen. Ein Ex-Verleger verkündete ein Krähengleichnis und trug dann Verse vor, die vielleicht zum Ergreifendsten gehören, was je über den Starnberger See gedichtet wurde; ein Nazi-Enkel sang ein Weihnachtslied, das man seinerzeit auch in der SS geschätzt hatte; eine Prosaschriftstellerin aus Österreich deklamierte aus ihrer Kriminaltravestie, sehr laut, aber präziser, als die zahlreich angereisten deutschen Lyriker ihre Gedichte je hätten flüstern können; diese kannten dafür unglaublich viele Namen anderer deutscher Lyriker, einmal spielten sie ein Spiel, bei dem deutsche Lyrikernamen aneinandergereiht werden mussten, es dauerte mehrere Stunden; nachts suchten Lyriker und Romanciers gemeinsam eine Raucherbar auf.

          Der auch tagsüber rauchende Sergej Lebedew fiel da zunächst gar nicht auf. Ihm wiederum dürfte unser Treiben egal gewesen sein. Dass die Stimmung von Betriebsausflügen für Außenstehende unzugänglich ist, gilt ja auch für Literaturbetriebe. Keiner von uns wusste etwas über diesen Gast, und er, trotz badischer Herbstsonne in einen dicken Schal und wetterfeste Funktionskleidung gehüllt, hielt sich zurück. Nichts deutete auf die Überraschung des letzten Abends hin.

          Dafür gibt es keine andere Form als Literatur

          Schon wenige Minuten nachdem ein Schauspieler begonnen hatte, aus Lebedews – von Franziska Zwerg kantenlos übersetztem – Debütroman vorzulesen, war mir klar, dass die einzige produktive Irritation dieser Tage von diesem jungen Russen ausgehen würde. Die Wirkung war umso überwältigender, als sie nicht wie sonst bei zeitgenössischen Romanen vom Stil herrührte, dem Sound einer Erzählstimme, dem Sprachwitz oder anderen Originalitäten, für die unsere Agenten und Verleger zu morden bereit sind. Was wir da zu hören bekamen, war keine Vorschussliteratur eines vielversprechenden Debütanten. Trittsicher, frei von Phrasen, hatte diese Prosa dennoch etwas Befremdliches – ein Eindruck, der sich nach der Lektüre des ganzen Romans, und erst recht nach der des zweiten, noch verstärkte.

          Romantiker der Freiheit, das war einmal: Sergej Lebedew
          Romantiker der Freiheit, das war einmal: Sergej Lebedew : Bild: Ullstein

          Lebedews Sprache hat wenig Tonlage. Sie gibt sich nicht lakonisch hart, ironisch verspielt oder episch präzise. Wenn sie trotzdem auffällig ist, dann weil sie zu Metaphern und Vergleichen neigt, zu Pathos und Dramatisierung, ja sogar zum Gebrauch von Adjektiven: poetischen Mitteln, die uns, den Literaturinstitutszöglingen und Herrndorf-Epigonen, früh ausgetrieben wurden. Was mich packte, war nicht die literarische Form, sondern eine Art der Mitteilung, für die es keine andere Form als die Literatur gibt. Nun teilt natürlich jede Literatur, auch die deutsche Gegenwartsliteratur, andauernd etwas mit. Ganz und gar ungewöhnlich aber ist es geworden, wenn ein Autor etwas mitteilen will, das dem Leser so unbegreiflich sein muss, dass weder die Faktizität der beschriebenen Welt noch die Konvention eines Genres es glaubhaft machen kann. Das gilt erst recht für historische Stoffe.

          Dunkle Ahnungen, aus denen Zeichen werden

          Zwei Bücher Lebedews sind bisher ins Deutsche übersetzt, beide handeln von der jüngeren Geschichte Russlands und der Sowjetunion. Doch fehlt ihnen der Sicherheitsabstand des historischen Romans, der selbst in das schrecklichste Geschehen mit dem Versprechen lockt, dass all das ja längst vorbei sei. Lebedews Vergangenheit lebt. Er beschreibt sie nicht wie der Historiker seine Epoche oder der Pathologe eine Leiche. Er jagt sie. Als sei sie eine giftige Schlange, deren Versteck mitten unter uns er gewittert hat und nun aufspüren muss, aber nicht, um sie zu töten, sondern sie zu fassen und vor den Augen des Lesers zu beschwören.

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