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Büchersammler III : Odysseus kam nie bis Schwaben

Der Kölner Wolfgang Geisthövel auf literarischer Spurensuche. Bild: Edgar Schoepal

Der Arzt und Autor Wolfgang Geisthövel braucht kein Reisebüro. Er geht mit dem Kopf durch die Welt. In seiner Bibliothek versammelt der Kölner von Homers „Odyssee“ bis zur heutigen Reiseliteratur zahlreiche Erstausgaben.

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          Dem Aufklärer Lessing schwant in diesem Augenblick nicht, dass seine Wortschöpfung einmal einer ganzen Epoche ihren Namen geben wird: dem Zeitalter der Empfindsamkeit. 1768 brütet sein Freund, der Verleger Johann Christoph Bode, über der Übersetzung von Laurence Sternes soeben in London erschienener „Sentimental Journey“. Mit „Sentimentale Reise“ lässt sich dies keinesfalls übersetzen, weiß Bode, doch es fällt ihm für das englische Wort „sentimental“ partout nichts Treffendes ein. Zumal Sterne, statt wie üblich Landschaften, Leute und Sitten faktisch in den Blick zu nehmen, etwas Ungeheuerliches wagt: seine ganz eigenen, subjektiven Eindrücke als Reisender in den Mittelpunkt zu stellen. Lessing, von Bode um Rat gefragt, empfiehlt: „Wagen Sie empfindsam!“ Denn, so Lessings Begründung: „Wenn eine mühsame Reise eine Reise heißt, bei der viel Mühe ist, so kann ja solch eine empfindsame Reise eine Reise heißen, bei der viel Empfindung war.“

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Begriff, über den Buchtitel „Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“ einmal in die Sprache eingegangen, lässt sich seither aus dem Deutschen nicht mehr wegdenken. Und natürlich steht eine Erstausgabe von Sternes „Sentimental Journey“ als besondere Trophäe im Bücherregal von Wolfgang Geisthövel. Eine „kopernikanische Wende“ nennt der Kölner Arzt und Schriftsteller dieses nicht nur für die Literatur, sondern auch für sein Sammelgebiet wegweisende Werk. Denn Geisthövel sammelt literarische Reisebücher. Und hat im Laufe von mehreren Jahrzehnten, in denen er Antiquariate, Buchhandlungen und Buchmessen systematisch durchforstete, eine einmalige Kollektion mit überwiegend Erst- oder zumindest frühen Ausgaben zusammengetragen.

          Der Zufall als Grundlage

          Besucht man den 1940 in Frankfurt geborenen Mediziner, der bis zu seiner Pensionierung 2005 als Chefarzt des Kölner Heilig-Geist-Krankenhauses tätig war, wird man im historischen, am Rhein gelegenen Villenviertel Marienburg von einer pharaonischen Schönheit empfangen: Die hölzerne Skulptur gleich neben der Eingangstür ist eines von vielen Kunstwerken, die sich über das gesamte Haus verteilen. Ein Zimmer jedoch ist der bibliophilen Sammlung vorbehalten. Dort einmal Platz genommen, greift Geisthövel im Gespräch immer wieder zu einem Buch aus der Bibliothek, sei es eine historische Ausgabe von Heines „Harzreise“ oder Flauberts „Reise in den Orient“, um einen Gedanken mit einem Blick ins Buch zu verfestigen, eine These mit einem Zitat, das er vorliest, zu stützen. Wie alle leidenschaftlichen Sammler ist Geisthövel ein unbestechlicher Kenner seines Sammelgebiets, der alles, was er zum Thema in die Finger bekommt, augenblicklich liest. Das Glück seiner Zuhörer besteht darin, dass er darüber so fundiert wie fesselnd erzählen kann.

          Die Sammlung, sagt er, sei die Konsequenz einer persönlichen Bildungsgeschichte in Sachen Reise, die sich von einer früh geweckten Leidenschaft fürs Reisen über die Freude am Lesen entwickelt hat. In seinen eigenen Büchern verbindet Geisthövel diese beiden Vorlieben - reisen und lesen -, indem er Orte erkundet, die mit dem Werk eines bestimmten Schriftstellers verbunden sind. Aus dieser Spurensuche entstanden Bücher wie „Hölderlins Schwaben“ (1996), „Unterwegs mit Odysseus durch das Mittelmeer“ (2007) oder „Brasilien. Ein literarische Reise“ (2013). Grundlage für die Sammlung war jedoch ein Zufall.

          Schlüssige Geschichte der Reiseliteratur

          Sein Bruder schenkte dem Weltreisenden in den siebziger Jahren die in der DDR erschienenen „Reisebilder“ des Literaturhistorikers Gotthard Erler. Von Goethe und Heine bis Weerth, Gerstäcker und Fontane versammelt die dreibändige Anthologie die für die Gattung wichtigsten Texte aus der Zeit von 1777 bis 1860. Als Geisthövel kurz darauf in einem Kölner Antiquariat auf die Erstausgabe eines der bedeutendsten Vertreter des Genres stieß, Georg Forsters „Ansichten vom Niederrhein“ von 1791, war das, wie er erzählt, die Initialzündung für die Idee, Bücher zu sammeln, die auf eine bestimmte Topographie literarisch reagieren.

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