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Woody Allens Memoiren : Der Sarg war immer halb voll

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Inspirierter Kunstkritiker am Tasteninstrument: Woody Allen in seiner Kinoliebeskomödie „Mach’s noch einmal, Sam“ von 1972 Bild: Getty

Jetzt sind sie doch erschienen. Von berühmten Freunden, dahingegossenen Frauen und gemeinen Vorwürfen: Was erzählt Woody Allen in seinen Memoiren „Ganz nebenbei“?

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          Der Streit um die Veröffentlichung ist vorbei, die Autobiographie von Woody Allen ist erschienen, seit Anfang der Woche in den Vereinigten Staaten und nun auch bei uns („Ganz nebenbei“, Rowohlt Verlag). Vier Übersetzer (Stefanie Jacobs, Hainer Kober, Andrea O’Brian und Jan Schönherr) haben daran gearbeitet, um dieses Tempo und den typischen Woody-Allen-Sound hinzubekommen, der hier allerdings nach einer ausgeleierten Pose klingt, aus der heraus sich Frauen wie „Sahneschnittchen“ ausmachen lassen und „langbeinige Schnuckelchen“ die Bars und „Miezen im Minirock“ die Straßen bevölkern.

          Am Anfang liest sich das wie das Voice-over einer Kopie eines der New-York-Filme des Komödianten, der es von Brooklyn nach Manhattan geschafft hat, wie er es sich seit seinem ersten Besuch des Times Square erträumte. Da war er sieben und schon ganz bei sich: „Für manche Leute ist das Glas halb leer, für andere halb voll. Für mich war stets der Sarg halb voll.“ Doch es gab Lichtblicke. Vor allem im Kino und bei 0den „Champagner-Komödien“, die dort spielten, wohin er wollte: „In Penthouses mit Privataufzug, in denen Korken knallten und charmante Männer in geschliffenen Dialogen wunderschöne Frauen umgarnten, die wie dahingegossen auf dem Sofa lagen, in Garderobe wie für eine Hochzeit im Buckingham Palace.“ Bis es so weit war und er tatsächlich in ein Penthouse mit phantastischem Blick über die Stadt einzog und fünfunddreißig Jahre darin wohnen blieb, obwohl es reinregnete, wie überall in New York, dauerte es noch eine Weile. Im Buch etwa zweihundert Seiten.

          Liste von Nebensächlichkeiten

          Aber wer wird dieses Buch lesen, um etwas über Cousine Rita zu erfahren, mit der Woody Allen, der da noch Allen Konigsberg hieß, als Junge gern ins Kino ging, etwas von Tanten und Onkeln, die zu Familienfeiern antanzten, oder über die gestohlene Schreibmaschine, auf der er als Schüler anfing, sein früh erkanntes Talent fürs Komische auszuleben? Woody Allen ist 84. Da ist die Liste von Nebensächlichkeiten, die das Leben ausmachen, lang. Und so liest sich auch dieses Buch.

          Wobei die Familiengeschichten die amüsanteren Teile hergeben, bis sie überlagert werden von Aufzählungen der Mittagessen mit berühmten Leuten oder der Auftritte mit anderen oder denselben berühmten Leuten. Das liest sich in der holprigen Übersetzung dann so: „Im Blue Angel trat ich zusammen mit Nina Simone auf, und dort lernte ich auch Paddy Chayefsky, Frank Loesser, Billy Rose und Harpo Marx kennen. Natürlich kamen sie alle, um in der Lounge Bobby Short zu sehen. Aber ich war durchaus ein Renner und kam dort auch mit Dick Cavett in Kontakt, den der Fernsehsender, bei dem er arbeitete, als Scout zu einem meiner Auftritte geschickt hatte. Er war auf Anhieb begeistert, und wir freundeten uns schnell an, zogen an beiden Küsten zusammen um die Häuser und frönten gemeinsam unserer Leidenschaft für Magie, Groucho, S. J. Perelman, W. C. Fields und die Wantan-Entensuppe bei Sam Wo.“

          Ebenso zum Gähnen geht es weiter mit den Filmen, jeder wird abgehakt in chronologischer Abfolge von Ereignissen, denen weder ein Sinn noch eine Poetologie abzutrotzen sind. Sinnsuche war bei einem Mann, dem bereits im Alter von fünf Jahren „die Endlichkeit des Seins, der er nie zugestimmt hatte“, bewusst wurde, nicht zu erwarten. Ein Ansatz von Reflexion über sein künstlerisches Tun aber vielleicht doch. Warum sonst schreibt einer, der sich am liebsten Witze ausdenkt („wenn man’s kann, ist es nicht schwer“) und die Wirklichkeit zur „Erzfeindin“ erklärt, eine Autobiographie?

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