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Ausstellung in Marbach : Zum Lachen in den Keller

  • -Aktualisiert am

Das waren noch Zeiten: Peter Handke als „Stern“-Reporter auf einem Konzert der Beatles 1966 Bild: DLA Marbach

Die erste Ausstellung in Marbach unter neuer Direktion gibt sich betont locker: Für „Lachen.Kabarett“ haben Mitarbeiter Lieblingsobjekte ausgewählt, und die Präsentation appelliert an den Spieltrieb der Besucher.

          Die neue Ästhetik ist poppig. Wenn man im Literaturmuseum der Moderne an die Wände schaut oder auf ausliegende Postkarten, die auf Veranstaltungen hinweisen, meint man zunächst, in ein Programmheft der Berliner Volksbühne oder des Hamburger Kampnagel-Theaters zu blicken. Große, pinke Buchstaben verheißen unter dem Hashtag #LiteraturBewegt, was in den nächsten Jahren auf die Schillerhöhe zukommt, nämlich etwa „Rauschen.Filme“, „Berechnen.Computersprachen“ oder „Singen.Lieder“. Hat Meister Yoda diese Titel gedichtet?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die jüngst eröffnete Schau mit dem Titel „Lachen.Kabarett“ ist die erste seit dem Abschied Ulrich Raulffs und unter der Ägide der neuen Direktorin Sandra Richter, sie könnte als richtungweisend verstanden werden. Andererseits wird sie bewusst als „Improvisationsausstellung“ angekündigt, als lockerer Einstands-Einwurf. Kuratiert wurde sie von der zurückgekehrten Museumsleiterin Heike Gfrereis unter ausdrücklicher Einbindung aller Mitarbeiter, die „Lieblingsobjekte“ dafür vorschlagen durften. Entsprechend bunt zusammengewürfelt wirkt die Mischung, bei der man Memory mit den Fotos lachender Autoren spielen kann oder Folien auf Tageslichtprojektoren legen, die von Selbstkarikaturen Friedrich Schillers und Eduard Mörikes (als „Schinkengesicht“) über Hugo Balls dadaistisches Kostüm bis zu Kurt Tucholskys „Reisegott“ namens „Zippi“ reichen, bei dem es sich um eine von ihm wohl allzeit mitgeführte Gummipuppe handelt.

          Vom befreienden zum zynischen Lachen

          Nicht nur, weil in diesem Fall das Original fast zerbröselt ist, sondern programmatisch werden in der Ausstellung keine Originale gezeigt, bewusst gebe es „keine festen Vitrinen und kein festes Mobiliar, keinen vorgegebenen Weg, keinen Anspruch auf irgendeine Art von Vollständigkeit, keinen übergeordneten höheren Sinn“: Dieses geradezu dekonstruktivistische Programm passt vielleicht ganz gut in ein Museum der Moderne, und doch ist es auch schade, wenn man etwa von einem auratischen Objekt wie Christian Morgensterns zu einem veritablen Henkersbeil geformtem Buch mit Galgenliedern (siehe unser Bild) nur ein Simulacrum sehen kann, wissend, dass ein paar Meter weiter hinter dicken Betonwänden des Marbacher Schutzbunkers das Original liegt.

          Prächtig gelaunt: Hermann Hesse (zweiter von links) mit Freunden und Holzpferd, 1927. Bilderstrecke

          Hübsch bis absurd sind eine Reihe von auf alten Kassettenrecordern abspielbare Tondokumente, in denen etwa Joseph Beuys Arnold Gehlen fragt, wie er denn eine „Revolution ohne Lachen“ machen wolle, oder Bertolt Brecht vor dem berüchtigten McCarthy-Ausschuss für „unamerikanische Umtriebe“ den ihn Befragenden verrückt macht, indem er beharrlich die Übersetzung eines Brecht/Weill-Songs für falsch erklärt.

          Der ernstere Anspruch ist, mit Bezug auf das Kabarett die Geschichte vom befreienden Lachen der „Überbrettl“-Zeit zum zynischen Lachen des 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen, das etwa den Chefredakteur der Satirezeitschrift „Ulenspiegel“ ins KZ Buchenwald bringt. Danach kann es nur noch darum gehen, wie man „trotzdem lacht“. Man muss es allerdings auch nicht erzwingen, darf sogar mal etwas von Robert Gernhardt für nicht so genial halten (so die loriothaft altbackene Gedichtparodie „Sonette find ich so was von beschissen“) und es sich einfach verkneifen.

          Die Frage nach dem „wie“ der Präsentation ist immer eine Geschmacksfrage. Für das Museum zählt letztlich am meisten, ob es ihm gelingt, Menschen für sich zu interessieren – das wird, auch dank eines reichen Begleitprogramms im Sommer, hoffentlich der Fall sein. Für das Archiv entscheidend ist die Frage nach dem „was“. Hier darf man gespannt beobachten, ob Marbach zwischen zuletzt erworbenen Professoren-Nachlässen und Philosophen-Vorlässen, zwischen Computerspielen und erbsenzählerischen Projekten der Digital Humanities zukünftig sein Kerngebiet nicht aus den Augen verliert: die Literatur.

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