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Ausbruch des Ersten Weltkriegs : Die Selbstzerstörung Europas

Sie wussten wirklich nicht, worauf sie sich einließen

„Wir haben der Zeit vor 1914 den Stempel einer Vorkriegszeit aufgedrückt“, sagt Clark. „Aber bei meinen Recherchen wurde mir immer klarer, dass der Krieg alles andere als unvermeidlich war. Was seinen Ausbruch begünstigt hat, war gerade die Instabilität der Bündnisse. Die Österreicher fühlen sich auf dem Balkan von den Deutschen alleingelassen. Die Briten spielen mit dem Gedanken, die anglo-russische Konvention von 1907 auslaufen zu lassen. Das Kaiserreich fürchtet die wachsende militärische Stärke Russlands und sucht eine Verständigung mit London. Die Allianz zwischen Frankreich und dem Zaren widerspricht allen kulturellen Bindungen, sie existiert nur, um gemeinsam Krieg gegen eine dritte Macht zu führen: das Deutsche Reich.“

Die deutsche Diplomatie, sagt Christopher Clark, habe das Balkan-Szenario nicht verstanden. Sie hoffte auf einen regional begrenzten Krieg. Deshalb ging der Kaiser Anfang Juli 1914 auf seine gewohnte Nordlandfahrt, und Kabinett und Generalstab verabschiedeten sich in die Sommerfrische. Für Fritz Fischer, der vor fünfzig Jahren mit seiner Kriegsschuldthese den herrschenden Konsens der deutschen Geschichtswissenschaft umstieß, war das ein Täuschungsmanöver, das den „Griff nach der Weltmacht“ verschleiern sollte. Clark dagegen ist überzeugt, dass die Deutschen wirklich nicht genau wussten, worauf sie sich mit ihrem Verbündeten in Wien einließen.

Das worst-case scenario des zwanzigsten Jahrhunderts

Dafür spricht das Telegramm, in dem Wilhelm II. („Willy“) noch am 29. Juli seinen Cousin, den Zaren Nikolaus („Nicky“), beschwor, die bereits befohlene russische Generalmobilmachung auszusetzen. Und dafür spricht die Verbissenheit, mit der sich die deutsche Führung bis zuletzt an die Hoffnung klammerte, die Briten aus dem Krieg heraushalten zu können. Es gehe nicht darum, Fischers Thesen zu revidieren, sagt Clark. Aber man müsse ein gesamteuropäisches Bild zeichnen. „Wir müssen weg vom James-Bond-Muster, in dem es einen Guten und einen Bösen gibt. Sie können alle diese Staaten als Bösewichte sehen. Sie sind aggressiv, beutegierig, kolonialistisch, paranoid, sie zeigen Stärke, weil sie sich schwach fühlen.“ Es ist, wie Clark in seinen Porträts der beteiligten Diplomaten zeigt, auch die Krise einer abtretenden Männerkaste, die sich im Juli 1914 abspielt, ein Showdown nervöser Patriarchen, die, wie es über den deutschen Kanzler Bethmann Hollweg hieß, wie „Ertrinkende“ nach dem Strohhalm des Krieges griffen. Am Ende sprachen die Waffen, weil die Minister nichts mehr zu sagen hatten.

„Der Erste Weltkrieg“, sagt Christopher Clark, „ist das worst-case scenario des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Welt von 1913 mit ihrem globalen Handel, ihrem kulturellen Austausch, ihren friedlichen Veränderungen wird zertrümmert, vergeudet. Man kann sich keinen schlechteren Start für das Jahrhundert vorstellen. Der Stalinismus mit all seinen Opfern, Hitler, der Holocaust, die Zerstörung der deutschen Städte im Luftkrieg: Das meiste davon kann auf die Giftdosis zurückgeführt werden, die dieser Krieg Europa injiziert hat.“

Draußen dröhnt der Verkehr Unter den Linden. Es ist ein sonniger Tag in Berlin, der Stadt Hitlers und Honeckers. Die Krisengebiete im Nahen und Fernen Osten, in Syrien, im Irak, im Chinesischen Meer, sind weit. Dort liegen die Zünder für die nächste Krise. Das Buch „Die Schlafwandler“ ist eine Mahnung, sie zu entschärfen, bevor es zu spät ist.

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