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Ausbruch des Ersten Weltkriegs : Die Selbstzerstörung Europas

Das Attentat vor dem Attentat

„Was man wirklich von 1914 lernen kann“, sagt Clark, während er seinen Reisekoffer an den Tisch im „Einstein“ stellt, „ist die Rolle, die lokale Krisen als Auslöser von Konflikten zwischen Großmächten spielen können. Keine der beteiligten Nationen sagt, das ist ein toller Moment, um einen Krieg zu beginnen, also beginnen wir ihn. Aber alle akzeptieren das, was ich das Balkan-Szenario genannt habe. Zu diesem Szenario gehört, dass niemand fragt, wie die Krise eigentlich begonnen hat, wer Täter und wer Opfer war, ob die Österreicher ein moralisches Recht auf Vergeltung haben oder nicht. Österreich greift Serbien an, also greift Russland Österreich-Ungarn an, das Deutsche Reich macht gegen Russland mobil, Frankreich interveniert für seinen russischen Verbündeten, und England unterstützt Frankreich. Es gibt keine völkerrechtliche Untersuchung des Geschehens.“

Das Geschehen - das ist die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni in Sarajevo. Clarks Buch aber beginnt mit einem anderen Attentat: der Erschießung und anschließenden Zerstückelung des serbischen Monarchen Alexander durch putschende Offiziere elf Jahre zuvor in Belgrad. Von da an kommt Serbien nicht mehr zur Ruhe. Ein panslawistisches Untergrundnetzwerk, die „Schwarze Hand“, lenkt Armee und Geheimdienst; von ihm wird später auch Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajevo, ausgerüstet und instruiert. Bei seinen Feldzügen zur „Befreiung“ der von Wien und Konstantinopel beherrschten slawischen Brüder aber hat das kleine Serbien einen mächtigen Verbündeten: das Zarenreich, das die Habsburger auf dem Balkan schwächen will, um freie Hand beim Griff nach den Dardanellen zu haben.

Wie der Balkan zum Brandbeschleuniger wurde

Im Jahr 1912 bekommt Belgrad vertraglich carte blanche für den Krieg gegen das Osmanische Reich. Prompt fallen Serben, Bulgaren und Griechen über die europäischen Provinzen der Osmanen her und teilen sie unter sich auf. Anschließend geraten sich die Sieger selbst in die Haare, Rumänien, von Russland aufgestachelt, überfällt Bulgarien, der Balkan brennt. Erst eine von England einberufene Botschafterkonferenz der Großmächte beendet diesen zweiten Balkankrieg. Der dritte, sagt Christopher Clark, ist dann jener, den wir als Ersten Weltkrieg kennen.

Damit aber der Balkan als Brandbeschleuniger funktioniert, muss das europäische Bündnissystem mit ihm kurzgeschlossen werden. Das bewerkstelligen die Franzosen. Seit 1892 sind sie mit Russland gegen das Deutsche Reich, seit 1904 mit England zur Abwehr deutscher Ansprüche in Übersee alliiert. Nach den Balkankriegen nun sichert Paris den Ministern des Zaren zu, dass es im Fall eines österreichischen Angriffs auf Serbien den Bündnisfall ausrufen wird. Die Engländer schließen sich an, sie teilen dies den Deutschen sogar offiziell mit, obwohl der britische Außenminister Edward Grey privat den Gedanken „abstoßend“ findet, für Serbien in den Krieg zu ziehen.

Vier Wochen nach dem Attentat ein Telegramm

Und dann kommt Sarajevo. Die Falken in Wien wollen gegen Serbien losschlagen, aber sie scheuen einen Alleingang. Zuerst holen sie in Berlin die Bestätigung, dass das Kaiserreich sie unterstützen wird (der berühmte „Blankoscheck“). Dann stellen sie ein Ultimatum. Dessen härteste Forderung lautet, Belgrad solle österreichische Beamte bei der Suche nach den Hintermännern des Attentats auf serbischem Territorium unterstützen.

Das ist, verglichen mit den Forderungen der Kosovo-Konferenz von Rambouillet, die Clark ausführlich zitiert, ein Witz. 1998 sollten die Serben sogar den Durchmarsch von Nato-Truppen durch ihr Gebiet dulden. Im Juli 1914, angesichts des österreichischen Drucks, spielt die Belgrader Regierung mit dem Gedanken, das Ultimatum anzunehmen. Seit dem Attentat sind vier Wochen vergangen. Noch ist keine Division, kein Geschütz, kein Panzerkreuzer in Marsch gesetzt. Da gibt ein Telegramm aus St. Petersburg den Ausschlag. Serbien lehnt ab. Und Russland macht mobil.

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