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Akademiemitglied Steinhöfel : Offene Tore

Höchste Anerkennung in seinem Bereich: Vor drei Jahren wurde Andreas Steinhöfel für sein Gesamtwerk mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Bild: Picture-Alliance

Für Autoren, die sich mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen, waren die Tore der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung seit ihrer Gründung fest verschlossen. Jetzt wurde Andreas Steinhöfel aufgenommen. Ein Fanal.

          Anne Bohnenkamp-Renken, Andreas Gardt und Andreas Steinhöfel, das sind die neuen Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Was die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt und den Kasseler Sprachwissenschaftler angeht, so fügen sich diese erfreulichen Personalien in das Bild, das die Akademie seit jeher abgibt, wenn sie sich ergänzt. Für Autoren aber, die sich wie Andreas Steinhöfel im Wesentlichen mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen, waren die Tore der Akademie seit ihrer Gründung im Jahr 1949 fest verschlossen. Schon deshalb ist diese dritte Zuwahl ein Fanal.

          Wie sehr, zeigt etwa ein Blick auf die Begründung der Akademie im Jahr 1957 für die Auszeichnung Erich Kästners mit dem Büchnerpreis: Sie pries seine Gedichte, seine zeitkritischen Texte und am Ende der Begründung auch den Vermittler der deutschen Sprache ins Ausland – anhand seiner Kinderbücher.

          Ein Schritt voraus

          Tatsächlich ist dieser Blick auf die Kinderliteratur bis heute in vielen Kreisen üblich. Wer für junge Leser schreibt, so heißt es, soll dafür sorgen, dass sie überhaupt zu Lesern werden, das Buch fungiert als Fibel, Handlung und Stil sind so einfach wie möglich zu halten, um die Kinder bloß nicht zu überfordern, und wenn sie alt und geübt genug sind, dann kriegen sie auch richtige Literatur - die für Erwachsene. Wer aber so gestrickte Bücher verlangt (die Kinder sicher nicht), der bekommt sie auch, bis heute verstopfen sie die Erstleserfächer der Buchhandlungen.

          Natürlich gab es schon zu Erich Kästners Zeiten andere, seine eigenen zum Beispiel oder die Astrid Lindgrens, Otfried Preußlers oder Michael Endes, aber als ernstzunehmende Literatur nahm man sie nicht wahr. Und die Chance, Astrid Lindgren mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, wurde verpasst. Inzwischen hat sich einiges getan, besonders in Deutschland, und die Rolle, die der Verleger Hans-Joachim Gelberg dabei als Anreger spielte, wird man kaum hoch genug einschätzen können. Er machte den Begriff „Kinderliteratur“ populär und verlegte die Bücher von Christine Nöstlinger, Peter Härtling, Janosch oder Jutta Richter: Bücher, die nicht weniger literarisch geformt waren als die für Erwachsene, die ihre Leser respektieren und sie zugleich herausfordern, Bücher also, die es auch vertragen, wenn Kritiker und Literaturwissenschaftler sie unter die Lupe nehmen.

          Andreas Steinhöfel, der Autor von so hervorragenden Büchern wie „Mitte der Welt“ oder der „Rico, Oskar“-Trilogie, ist jetzt also Mitglied der Akademie. Man darf erwarten, dass er dort seinen 191 neuen Kollegen gegenüber vermittelt, warum sich die Akademie seit einiger Zeit mit Veranstaltungen und Tagungen der Literatur für junge Leser annimmt. Vielleicht geht eines Tages sogar der Büchnerpreis an einen Jugendbuchautor. Dann wäre die Akademie in Darmstadt der in Stockholm wieder einen Schritt voraus.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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