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Weltweiter Drogenhandel : Es gibt kein sauberes Kokain

  • -Aktualisiert am

Die mexikanische Journalistin Ana Lilia Peréz Bild: Pantheon Verlag

Sie wurde bedroht, angeklagt und verfolgt. Die mexikanische Journalistin Ana Lilia Pérez hat ein Buch über den Kokainhandel zur See geschrieben. Eine Begegnung in Mexiko Stadt.

          5 Min.

          Zwölf Uhr vormittags im Patio eines historischen Hotels am malerischen Alameda Park in Mexiko Stadt. Ein wenig verloren sitzt Ana Lilia Pérez auf der antiken Holzbank, eine heitere kleine Frau mit entspanntem Lächeln, blauem Blazer, violetter Haarsträhne. Ungewöhnlich, die Journalistin allein zu sehen, ungeschützt im weiten Innenhof, durch den die Schritte von Hotelangestellten hallen. Nachdem sie über Verstrickungen der mexikanischen Regierung mit dem organisierten Verbrechen geschrieben hatte, war sie nach Deutschland geflüchtet. Im Exil schrieb sie ihr Buch „Kokainmeere“, das gerade im Pantheon-Verlag erschienen ist. Inzwischen lebt sie wieder in Mexiko – ohne Bodyguards.

          Frau Pérez, ein paar Meter die Straße hinunter liegt das mexikanische Finanzministerium, dahinter das Parlament. Hier beginnt aber auch die Colonia Guerrero, in der kriminelle Banden regieren. Vor wem müssen sich die Menschen mehr fürchten?

          Vom Dealer an der Straßenecke wissen wir, dass er ein Verbrecher ist. Gefährlich wird es, wenn Kriminelle das Land regieren. Wenn dich in Mexiko ein Streifenwagen anhält, denkst du zwei Mal nach, ob du einsteigst. Wer weiß, ob man dich entführt, ausraubt oder tötet. Dass die Obrigkeit für die Kartelle arbeitet, ist viel beängstigender.

          Nach Ihren Enthüllungen von Verbindungen des halbstaatlichen Petroleumkonzerns PEMEX zum organisierten Verbrechen brauchten Sie Personenschutz und sind schließlich nach Deutschland geflohen. Heute bewegen Sie sich frei in Mexiko. Ist Gras über die Sache gewachsen?

          Die Leibwächter stellte der Staat – also dieselbe Institution, die ich anklagte. Es fällt schwer, diesen Menschen sein Leben anzuvertrauen. Wegen der schlechten Erfahrungen mit Leibwächtern habe ich nach meiner Rückkehr bewusst auf sie verzichtet.

          Sie hatten aufgedeckt, wie Kartelle in den Erdölhandel einsteigen - die wichtigste Industrie Mexikos. Die Verwicklungen reichten bis ins Kabinett von Präsident Calderón. Fühlten Sie sich danach bedroht?

          Das war sehr real. Es gab Attentatsversuche, Verfolgungsjagden, meine Wohnung wurde überwacht, man stahl Dokumente aus meinem Büro. Geschmierte Polizisten wollten mich verhaften. Die Staatsanwaltschaft verfolgte mich wegen „moralischer Schäden“ - einem Gummiparagraphen. Man kann in Mexikos über die Verbrechen der Kartelle schreiben und davonkommen. Wenn man aber die Komplizenschaft des Staates dokumentiert, die Verwicklung von Banken, Polizei und Regierungsstellen, wird es gefährlich.

          Die Mexikanische Armee beschlagnahmte im Mai 2011 mehr als eine Tonne Kokain in Monclova

          Wie entstand die Idee zu ihrem Buch „Kokainmeere“?

          Während einer Recherche bekam ich mit, wie Drogen auf Ölplattformen konfisziert wurden – Orte, die man nur durch mehrere Sicherheitsschleusen betreten kann. Ich fragte mich, wer Drogen dorthin bringt. Ich stieß auf ein Netz von Reedereien, Import-Export-Unternehmern, Zollbeamten und einflussreichen Besitzern großer Schifffahrtsunternehmen. Die See ist eine riesige, nahezu unbekannte Welt. Sie ist das Rückgrat des Welthandels – und damit auch des Drogenschmuggels.

          Was für Menschen sind die Angehörige der Organisierten Kriminalität?

          Ich habe mit Unternehmern gesprochen, die mit Kartellen kooperieren. Das sind Manager, mit Anzug, teuren Schuhen, Rolex. Dann gibt es Menschen ohne Ausbildung, die in den Rängen des Kartells schnell aufgestiegen sind und Immobilien und Firmen kaufen. Ich habe aber auch Angehörige der mexikanischen Handelsmarine getroffen, die sich aus Bedürftigkeit den Kartellen verdingen.

          Ähnlich argumentierte kürzlich Drogenboss und Ausbrecherkönig Chapo Guzman.

          Das war absurd. In diesen Kreisen geht es nur darum, Geld anzuhäufen. Die Gier ist unsagbar. Die Autos, die Villen, die vergoldeten Pistolen: das sind keine Grundbedürfnisse. Weiter unten sind die Menschen Täter und Opfer zu gleich - des Systems, der falschen Versprechungen der Narcos. Man sieht das in Buenaventura in Kolumbien, einem der wichtigsten Häfen für den Drogenschmuggel. Die Stadt ist total verarmt, die Gefängnisse voll mit Fischern und Hafenarbeitern.

          In Ihrem Buch spielen deutsche Gruppierungen kaum eine Rolle. Sind Deutsche zu naiv fürs Narco-Business?

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