https://www.faz.net/-gr0-8g7lj

Weltweiter Drogenhandel : Es gibt kein sauberes Kokain

  • -Aktualisiert am

In Deutschland arbeiten Einzelakteure mit ausländischen Mafiaorganisationen zusammen. Es gibt keine Kartelle oder familienartige Strukturen. Deutschland hatte nie eine organisierte Kriminalität wie Italien oder Mexiko.

Woran liegt das?

Die Gesellschaft akzeptiert weniger Verbrechen. Es beginnt schon im Kleinen: Würde ein mexikanischer Postbote ein Päckchen vor einer Haustür abstellen, würde es wahrscheinlich gestohlen. In Deutschland funktioniert das. An Dingen wie diesen wird der soziale Verfall einer Gesellschaft sichtbar. Die Kartelle florieren in Mexiko auch deswegen, weil die Gesellschaft es ihnen so leicht macht. Den Bürgern fehlt das Unrechtsbewusstsein.

Sie schreiben, die mexikanischen Kartelle expandieren mittlerweile auch in Europa.

Das Sinaloa-Kartell hat Leute in Spanien, die den Schmuggel vor Ort koordinieren. Aber es investiert auch in Immobilien und spanische Finanzinstitutionen. Mexikanisches Drogengeld wird in ganz Europa gewaschen. Die Schweiz ist eine Oase für korrupte mexikanische Funktionäre ebenso wie fürs organisierte Verbrechen. Deutschland geht strenger gegen Geldwäsche vor.

Haben Sie nach ihren Recherchen eine andere Perspektive auf die Jet-Set-Droge Kokain?

Wer Kokain konsumiert, macht sich kaum Gedanken darüber, was das Pulver auf dem Weg zu ihm verursacht. Es ist wie mit Blutdiamanten: Sie können bei einem Juwelier in New York einen prachtvollen Stein sehen. Aber Sie wissen nie, wie viel Menschen dafür gestorben sind. Es gibt kein sauberes Kokain. Es ist immer durch die Hände der Kartelle gegangen.

Sie beschreiben, wie Schmuggler Kokain in gefrorenem Fisch oder in den Mägen großer Rassehunde verstecken. Die Behörden versuchen, ihnen mit hochmodernen Radargeräten beizukommen. Dennoch steigt der Drogenkonsum seit Jahrzehnten. Ist der Kampf gegen die Drogen noch ein probates Mittel?

Nicht so, wie er derzeit geführt wird. Legalisierung kann effizienter sein als die Kugeln der Polizei. Wichtiger als der Kampf gegen Drogen ist der Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Der Drogenhandel ist nur ein Geschäftsarm der mexikanischen Mafia. Solange es einen Schwarzmarkt für Drogen gibt, fließt das Geld in die Taschen der Kartelle.

In Mexiko diskutiert man, Marihuana und Schlafmohn zu legalisieren.

Damit könnte jedenfalls viel Blutvergießen vermieden werden. Allerdings stehen die Chancen schlecht - nicht etwa, weil der Gesetzgeber befürchtet, dass dann der Konsum steigt. Viel einfacher: Überall dort, wo etwas verboten ist, kann Schmiergeld kassiert werden. Die mexikanischen Politiker werden sich dieses Milliardengeschäft nicht entgehen lassen.

Stattdessen führt die Regierung einen Scheinkrieg.

Nehmen Sie den „Pacto por México“: Man instrumentalisiert die Presse, um das Image Mexikos aufzupolieren. Die Zeitungen erhalten ganzseitige Anzeigen, im Gegenzug berichten sie weniger über das organisierte Verbrechen. Die Regierung ist der größte Inserent Mexikos - und viele Zeitungen sind beigetreten! Es sind nun also nicht mehr nur Kartelle, die Journalisten einschüchtern, sondern die Regierung selbst, die die Berichterstattung eindämmt.

Zur Zeit unterrichten Sie an der UNAM-Universität Nachwuchsjournalisten. Raten Sie ihren Studenten, sich mit dem System anzulegen?

Ich versuche, ihnen ein Verständnis für Ethik und Verantwortung näher zu bringen. Es ist nicht immer leicht, gegen den Strom zu schwimmen. Aber wenn keiner es tut, verfällt das System. Ich finde durch meine Arbeit auch Ruhe: Viele Menschen, die im organisierten Verbrechen gearbeitet oder in Regierungsstellen Geld gewaschen haben, sind heute im Gefängnis.

Die russische Journalistin Anna Politkóvskaya, die wie Sie mit dem Leipziger Medienpreis ausgezeichnet wurde, fiel einem Attentat zum Opfer, nachdem sie über Korruption im System Putin berichtet hatte. Auch Ihre Gegner haben bewiesen, dass sie vor nichts zurück schrecken. Sie erscheinen aber recht unbekümmert.

Hätten wir vor zwei, drei Jahren gesprochen, hätten Sie eine andere Frau gesehen. Nach all dem Trubel um meine Person habe ich irgendwann beschlossen: Ich kann mich davon nicht auffressen lassen. Nur so kann ich weiter arbeiten.

Weitere Themen

Mexikos Luftwaffe bringt Morales ins Exil

Krise in Bolivien : Mexikos Luftwaffe bringt Morales ins Exil

„Bald komme ich mit mehr Kraft und Energie zurück“, schreibt der frühere bolivianische Präsident vor seinem Abflug auf Twitter. Die Armee will gegen Ausschreitungen seiner Anhänger vorgehen – und der Verteidigungsminister legt sein Amt nieder.

Topmeldungen

Unsere Sprinter-Autorin: Heike Göbel

F.A.Z.-Sprinter : Rezession, oder nicht?

Die beunruhigenden Abschwungsignale in der deutschen Wirtschaft mehren sich schon länger. Heute erfahren wir, ob das Land in einer Rezession steckt. Was sonst noch wichtig wird, steht im Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.