https://www.faz.net/-gr0-8fi6w

Amerikanischer Sicherheitswahn : Das Potential der Angst

  • -Aktualisiert am

Vermeintlich sicher: Didi Fancher (Juliette Binoche) in der Hochsicherheitslimousine des Hedge-Fund-Milliardärs Eric Packer (Robert Pattinson) in David Cronenbergs Verfilmung von Don DeLillos Roman „Cosmopolis“. Bild: Alfama Films

Eine Hypermacht stellt ihre Verwundbarkeit zur Schau: Ein Blick in amerikanische Romane zeigt, warum sich die Amerikaner so tiefgreifend um die eigene Sicherheit sorgen. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Ausgerechnet in den Vereinigten Staaten lassen sich Fragen der Sicherheit – insbesondere der nationalen Sicherheit – erfolgreich politisch instrumentalisieren. Wie passt das zu einem Land, das sich durch Optimismus und Zukunftsgewandtheit auszuzeichnen scheint? Sind die Amerikaner ein ängstliches Volk geworden, verunsichert von Terrorismus, politischen Scharfmachern und wachsender ökonomischer Ungleichheit? Schlummert in der ältesten funktionierenden Demokratie der Welt eine tiefsitzende Begierde nach einem autoritären Führer?

          Die Sozial- und Geisteswissenschaften auf beiden Seiten des Atlantiks suchen seit einigen Jahren nach Antworten auf diese Fragen. Die Zwischenresultate scheinen den Verdacht zu bestätigen. Die Fixierung auf Sicherheit, heißt es etwa mit Bezug auf einen von dem Soziologen Barry Glassner geprägten Begriff, sei das Produkt einer „Kultur der Furcht“. Gemeint ist ein Manipulationszusammenhang, in dem politische und wirtschaftliche Eliten gezielt versuchen, Wähler und Kunden in Angst zu versetzen, um Gewinne zu steigern, ob bei Wahlen oder im Marktgeschehen.

          Allzeit gerne mobilisiert: die Emotion der Massen

          Noch einen Schritt weiter geht Joseph Masco, ein Anthropologe der Universität von Chicago, der in der amerikanischen Politik die Hervorbringung eines sich selbst verstärkenden „nationalen Sicherheitsaffekts“ zu erkennen glaubt: die Vereinigten Staaten, so schreibt er in seinem Buch „The Theater of Operations: National Security Affect from the Cold War to the War on Terror“, seien eine „globale Hypermacht“, die ihre eigene politische, ökonomische und ökologische Verwundbarkeit hervorbringe und diese auf der Ebene kollektiver Emotionen mobilisiere, um den Ausbau des Sicherheitsapparates weiter voranzutreiben.

          Keine Frage: Ohne kollektiv erfahrene – und zum Teil gezielt geschürte – Angst wäre die gegenwärtige Faszination von Sicherheit und Unsicherheit nicht denkbar. Wollte man aber die politische Durchschlagskraft der Sicherheitslogik einzig mit dieser Angst begründen, müsste man die gesamte amerikanische Geschichte als die einer kollektiven Verstörung, ja Schwäche, umschreiben. Denn es lässt sich kaum ein Zeitpunkt finden, an dem Sicherheitsbedenken keine tragende Rolle gespielt hätten.

          Stets haben die Amerikaner größte Gefahren gewittert, für das Gemeinwesen wie fürs individuelle Überleben. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, kurz nach der Verabschiedung der mühsam ausgehandelten Verfassung, sahen viele die Republik an moralischer Korruption und der vermeintlichen Schreckensherrschaft des aus Frankreich einströmenden revolutionären Geistes zerbrechen. Ab den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts führte die Auseinandersetzung um die Sklaverei zu einer immer größer werdenden Kluft zwischen Nord- und Südstaaten. Beide Seiten sahen sich zunehmend voneinander bedroht und manövrierten sich somit in ein Sicherheitsdilemma, das sich schließlich nur durch den überaus brutal geführten Bürgerkrieg zerschlagen ließ. Im zwanzigsten Jahrhundert sah es nicht besser aus. Die Gewalt des Ersten Weltkrieges zeitigte einen pessimistischen Blick auf die Moderne, den Gertrude Stein vom Pariser Exil aus mit dem Begriff „Lost Generation“ zu einer kulturgeschichtlichen Epoche erhob. Der Krieg war gewonnen, doch die Zivilisation schien verloren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

          Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

          Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.