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Amerika entdeckt Uwe Johnson : Gesines Geist

Gesine Cresspahl war eine Immigrantin, berufstätig und ständig aktuell über die Zeitläufte informiert und nachdenkend: Bild aus dem Fernsehfilm von Margarethe von Trotta. Bild: Picture-Alliance

Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“ wurde 48 Jahre nach Erscheinen ins Englische übersetzt, und das Goethe-Institut macht großen Bahnhof in New York. Eine Figur wie Gesine Cresspahl kommt dort gerade zur rechten Zeit.

          Gute Bücher haben immer ihre Zeit. So sollte es jedenfalls sein. Der Markt für sie aber ist weniger unbestimmt. Da ist die Zeit für ein gutes Buch möglicherweise schnell vorbei. Oder noch gar nicht angebrochen. Und so ist es nicht ganz müßig zu fragen, warum Uwe Johnsons „Jahrestage“ erstmals jetzt vollständig ins Englische übersetzt wurden, 48 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes, 35 nach Erscheinen des letzten und fünfzig Jahre nach der Zeit, in der dieser Roman spielt – zwischen dem 21. August 1967 und dem 20. August 1968. Was hat es damit auf sich?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Amerikaner haben, was Bücher angeht, immer schon einen immensen Exportüberschuss zu verzeichnen, während die Deutschen auf diesem Gebiet eher im unteren Mittelbereich liegen. Aus der aktuellen belletristischen Produktion wird sehr wenig für den englischsprachigen Markt übersetzt. Aus Gründen, die nicht immer durchschaubar sind, entdecken die Amerikaner dann aber plötzlich einen deutschsprachigen Klassiker für sich und sind selbst erstaunt, warum es so lange gedauert hat. Vor einigen Jahren war das Stefan Zweig. Davor Joseph Roth. Davor W.G.Sebald. Jetzt ist es Uwe Johnson.

          Großer Bahnhof, aber wer wird es lesen?

          Seine späte Würdigung durch die Amerikaner ist besonders rätselhaft, spielen doch seine „Jahrestage“ in New York. Die „New York Times“ hat eine der Hauptrollen. Vermutlich war einiges, wenn nicht vieles – die Schlagzeilen aus der „Times“ sicher, die Dialoge wahrscheinlich – ursprünglich Englisch und wurde von Johnson ins Deutsche gebracht. Es nützte offenbar nichts, obwohl sich das Ganze deutlich kurzweiliger liest, als die Länge von mehr als zweitausend deutschen Seiten, die im Englischen auf 1720 schrumpften, vermuten lässt. Es gab Versuche, in den siebziger Jahren, in einer längst vergriffenen Ausgabe. Übersetzer und Verlag gaben damals auf, als Uwe Johnsons Schreibblockade das Erscheinen des letzten Bandes um mehr als ein Jahrzehnt verzögerte. Umso heroischer das Engagement des Verlags der „New York Review of Books“ und aller Beteiligten für den neuen Anlauf und die vollständige Fassung. Immerhin neunhundert Seiten, so der Übersetzer Damion Searls, waren bisher nicht übersetzt, der Rest wurde gründlich überarbeitet.

          Bei der Buchvorstellung im New Yorker Goethe-Institut wurde die Frage „warum jetzt?“ weder gestellt noch beantwortet. Wahrscheinlich gibt es auch keine Antwort außer dieser: Der Verlag hat es eben jetzt gewagt. Damion Searls hat, neben vielen anderen Dingen, die er tat, eben jetzt die Übersetzung des Riesenwerks abgeschlossen, das am Abend in zwei broschierten Bänden im Schuber für dreißig Dollar verkauft wurde. Ein Schnäppchen. Dazu gibt es bis zum Ende des Monats ein Filmprogramm, unter anderem mit Margarethe von Trottas Verfilmung, eine Zeitung, eine Installation, eine Playlist mit Songs der Zeit, eine interaktive Wanderung durch das New York der Gesine Cresspahl, der Hauptfigur, alles produziert, arrangiert, organisiert vom Goethe-Institut. Großer Bahnhof also, aber doch – wer wird das Buch lesen, das hier „Anniversaries“ heißt und von einem Autor stammt, den selbst in New York niemand kennt?

          Es gibt immer freie Drinks

          Die etwa sechzig Menschen, die ins Goethe-Institut gekommen waren, um den Übersetzer im Gespräch mit der Schriftstellerin Renata Adler und der Literaturwissenschaftlerin Liesl Schillinger zu hören, kauften zurückhaltend, aßen und tranken aber gern, was danach geboten wurde. Auch dafür wird das Goethe-Institut in New York geschätzt: Es gibt immer freie Drinks.

          Dass niemand nach Sinn und Zweck, dem öffentlichen Interesse und dem Zeitbezug fragte, sondern sich alle damit zufriedengaben, über ein Buch informiert zu werden, das in seiner Anlage einmalig und seiner Zeit voraus war, das von Deutschland, und zwar von beiden Teilen, ebenso handelt wie von New York in jener Zeit und von seiner stolzesten Zeitung und den Nachrichten dort, immer wieder aus dem Vietnam-Krieg – es spricht nichts dagegen, das für ein Zeichen der Reinheit des literarischen Interesses zu nehmen. „Auf Augenhöhe“ mit Tolstoi nannte Searls das Kapitel, das während der Heuernte in Mecklenburg-Vorpommern spielt.

          Und dann gab er den Zuhörern doch noch einen Hinweis darauf, was dieses Buch so wertvoll für einen Zeitgenossen macht – dass Gesine Cresspahl eine alleinerziehende Frau ist, eine Immigrantin, berufstätig und ständig aktuell über die Zeitläufte informiert und nachdenkend: Das ist eine großartige Frauenfigur, ein Vorbild, so Searls, umso mehr, als sie von einem Mann erfunden wurde. Das alte New York ersteht dadurch nicht wieder. Aber der Geist der Gesine Cresspahl ist angekommen.

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