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Als Frau im George-Kreis : Mein Kind Liselotte

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Ist es denkbar, dass Liselotte tags darauf mit Frommel tatsächlich das Meer erreichte, wo doch der ganze Strand vermint war? Und dass sie, die 24-Jährige, dann von einer dieser tückischen Unterströmungen erfasst wurde, für die die Nordsee berüchtigt ist? Bild: dpa

Am 7. August 1945 ertrank die 24 Jahre alte Jüdin Liselotte Brinitzer in der Nordsee. Bei ihr am Strand war Wolfgang Frommel, Gründer des Castrum Peregrini. War es ein tragischer Unfall oder Tod durch Fahrlässigkeit? Eine Spurensuche.

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          Durch Zufall entdeckte ich die Suchanzeige im Internet: Am 19. Oktober 1945 erschien im Amsterdamer „Nieuw Israelitisch Weekblad“ folgender Text: „Inlichting gevraagd omtrent (Auskunft erbeten über): LILO BRINITZER 24 jaar geb. Hamburg“. Von wem sonst kann diese Anzeige stammen, dachte ich, als von Liselottes Mutter, die ihre Tochter in den beiden Briefen, die sich erhalten haben, mit „Lilo“ ansprach?

          Vor kurzem wäre sie 97 Jahre alt geworden. Liselotte, das jüdische Mädchen, das die Verfolgung durch die Nationalsozialisten im holländischen Versteck überlebt hatte und am 7. August 1945 beim Baden in der Nordsee ertrank. So kannten wir die Geschichte, so war sie uns überliefert worden. Wir, die wenigen Frauen um Wolfgang Frommel (1902–1986), den Gründer des Amsterdamer Castrum Peregrini, der uns den Geist Stefan Georges so nahe brachte, dass wir den von ihm propagierten pädagogischen Eros miteinander erprobten. Viele Jahre lang radelten wir im Juni, um Liselottes Geburtstag herum, durch die Dünen an Liselottes Grab auf dem kleinen katholischen Friedhof in der Nähe von Bergen in Nordholland. Wie ich heute weiß: Sie wurde im ungeweihten Teil des Friedhofs beerdigt, denn Liselotte war Jüdin. Auf ihrem Grabstein stehen drei Worte: „Mein Kind Liselotte“. Keine Daten, keine Verwandten, kein Geburtsort, keine Todesart. Nur dies. Rätselhaft, geheimnisvoll.

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