https://www.faz.net/-gr0-9h8tm

Aldi als Buchhändler : Literarischer Wühltisch

Was nimmt, was gibt der Discounter dem Buchhandel mit dieser Aktion? Aldi-Einkaufswagen warten darauf, gefüllt zu werden. Bild: Picture-Alliance

Führt das Leute zum Lesen oder schadet es der angeschlagenen Branche nur noch mehr? Aldi Süd und Aldi Nord verkaufen im aktuellen Sortiment Bestseller-Literatur – in einer Preisklasse, die im Sortiment des Discounters selten ist.

          Bei Aldi Süd läuft die Aktion seit vergangenem Donnerstag, bei Aldi Nord startet sie am kommenden Donnerstag. In den rund 4200 Filialen der beiden Discount-Ketten sind dann Bücher zu haben. Nicht, dass es noch nie Bücher dort gegeben hätte, aber die waren stets preisreduziert. Nun aber sind achtzehn Titel im Angebot, die genauso viel kosten wie im Buchhandel oder im Versand: 9,99 Euro. Sie stammen sämtlich aus der Produktion des Jahres 2018, sechzehn von ihnen haben die „Spiegel“-Bestsellerliste wenigstens gestreift, ohne freilich wirklich Spitzenplätze zu erobern. Für Aldi kein Hindernis, pauschal mit „,Spiegel‘-Bestsellerautoren“ zu werben.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Hera Lind ist unter anderem dabei, Sebastian Fitzek, Sophie Kinsella, Nora Roberts, Nicholas Sparks und Arno Strobel. Die Titel kommen von den beiden großen Verlagsgruppen Random House (Blanvalet, Diana, Goldmann, Heyne) und Holtzbrinck (Rowohlt, S. Fischer, Kiepenheuer & Witsch). Titeln, die sich im Handel schon erledigt haben, wird ein kurzes, zweites Leben eingehaucht. Über die Stückzahlen, die nun in den Handel gepumpt werden, liegen selbstredend keine Angaben vor.

          Wenn Bücher im Supermarkt oder beim Discounter stehen, in Blumenläden, Tankshops oder Baumärkten, dann sind sie auf einem sogenannten Nebenmarkt gelandet. So auch in diesem Fall: Angezettelt hat die Aktion Herbert Ullmann, Gründer der auf Rechteverwertung in Nebenmärkten spezialisierten Firma Ullmann Medien mit Sitz im rheinland-pfälzischen Rheinbreitbach. Zu ihr gehört auch die Edition Nova GmbH, welche die Aldi-Aktion durchführt. Ullmann ist seit vier Jahren im Ruhestand, aber gelegentlich mischt er noch mit. Aldi zählt seit Jahren zu seinen Kunden.

          Beim stationären Buchhandel kommt die Aktion erwartungsgemäß nicht gut an. Zwar äußern bei einer Umfrage, die das „Börsenblatt“ durchführte, knapp sechzig Prozent der Teilnehmer die Meinung, mit solchen Aktionen würden „neue Zielgruppen für Bücher erschlossen“. Mehr als vierzig Prozent sind dagegen der Meinung, es handele sich dabei um einen „weiteren Sargnagel für den stationären Buchhandel“. Jenseits der eingeborenen Abneigung gegen die Internetkonkurrenz ist die Gefühlslage im Handel derzeit immer noch überschattet von dem in dieser Zeitung zuerst veröffentlichten Befund, dass in den letzten Jahren mehr als sechs Millionen Buchkäufer verlorengingen.

          Discounter will altes Image abstreifen

          Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels reagierte im Juni mit der Studie „Buchkäufer – quo vadis?“ und kam in ihr auch auf Ideen, wie man der Tendenz zum Abwandern entgegenwirken könne. Etwa indem man Bücher an unerwartete Orte bringe; Menschen im Alltag Gelegenheit verschaffe, Büchern zu begegnen; das Buch insgesamt zum Konsumenten kommen lasse und nicht umgekehrt. Diese Steilvorlage ließ sich Herbert Ullmann in einem Interview mit dem Branchenmagazin „Buchmarkt“ nicht entgehen, in dem er Aldi als den effizienteren Buchhändler pries. Der Börsenverein, stichelte Ullmann, sei „vom Endverbraucher so weit weg wie der Fußballclub VfB Stuttgart von der Meisterschaft“. Der Discounter leiste seit Jahren „deutlich mehr Werbung für das Buch als der Börsenverein“.

          Ullmann argumentiert, dass Aldi-Buchkäufer im Erfolgsfall – wenn ihnen also das Buch gefallen hat und sie gern mehr von dem Autor lesen möchten – nolens volens dem Handel in die Arme getrieben würden. Dass damit auch Deutschlands größter Buchhändler Amazon gemeint ist, muss man sich dazudenken. Die Reaktion des stationären Handels fiel im Fachblatt „Buchreport“ deutlich aus: Drei Viertel der Buchhändler prognostizieren für ihr Geschäft einen entgangenen Umsatz, eine Abwertung des Buches insgesamt wird gefürchtet sowie seine Degradierung zu einem Mitnahmeartikel.

          Ein solcher ist das Taschenbuch aber seit seiner Erfindung. Schwerer wiegt, dass der falsche Eindruck entstehen könnte, es handele sich um rabattierte Bücher, wiewohl es im Sortiment von Aldi in der Zehn-Euro-Klasse gar nicht so sehr viele Produkte gibt. Eher über kurz denn über lang werden die Restbestände der Bücher in den Wühltischen mit Angeboten der Vorwoche landen. Dennoch passt die Aktion zur Strategie, die Aldi seit Jahren verfolgt, ist der Discounter doch derzeit massiv damit beschäftigt, sein Billigheimer-Image abzustreifen. Mit der Aufhübschung der Filialen, Ökostrom-Angeboten und der Verfeinerung des Sortiments geht es Richtung Supermarkt. Jüngere Kundenschichten sollen angesprochen werden, die älteren kommen ohnehin.

          Dass unter den Millionen Aldi-Kunden welche sind, die der Buchmarkt als Leser verloren oder noch gar nicht gefunden hat, liegt auf der Hand. Insofern sind zeitlich begrenzt verfügbare, preisgebundene Taschenbücher kein Menetekel. Denn im Discounter werden Menschen an der Kasse stehen und tun, was sie sonst nicht tun: ein Buch kaufen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Salafismus : Die freiwillige Ausreise des Gefährders Halil D.

          Halil D. wurde verdächtigt, einen Anschlag auf ein Radrennen in Frankfurt geplant zu haben. Nach seiner Freilassung galt er als einer der gefährlichsten Islamisten in Nordrhein-Westfalen. Nun ist er seiner Familie in die Türkei gefolgt.

          Anleihekäufe der EZB : Nun sollte Schluss sein!

          Für mehr als zwei Billionen Euro haben die Notenbanken der Währungsunion Staatsschulden gekauft. Sie durften das, befinden Europas höchste Richter. Das bedeutet aber nicht, dass das eine gute Idee war. Eine Analyse.

          Brexit-Abkommen : Unterhaus soll vor dem 21. Januar abstimmen

          Am Montag hatte die britische Premierministerin Theresa May das Unterhaus-Votum über das Brexit-Abkommen wegen mangelnder Erfolgsaussichten verschoben. Für den Außenhandelsverband ist der Brexit ein „Schlamassel“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.