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Akif Pirinçcis „Deutschland von Sinnen“ : Endlich? Sagt’s? Mal? Einer?

Sieht gar nicht aus, als pubertiere er noch: Autor Akif Pirinçci Bild: picture alliance / dpa

Akif Pirinçci hat mit seiner Schimpfkanonade „Deutschland von Sinnen“ einen Bestseller geschrieben. Dabei leidet der Autor offenbar an einer Art von Tourettesyndrom: zwanghafter Obszönität.

          Akif Pirinçci hat sich einen Namen mit Kriminalromanen gemacht, in denen Katzen die Hauptrollen spielen. Soeben hat er die Bestsellerliste mit einer Anklageschrift gegen deutsche Zustände gestürmt. Pirinçci zufolge steht das von unfähigen Beamten, korrupten Politikern und feigen Bürgern geprägte Land kurz vor seiner vollständigen Verblödung durch linke Massenmedien, einer Machtübernahme des Islam wie (!) der Gleichstellungsbeauftragten, des Feminismus also, und der Lobbyisten abweichender Lebensformen.

          In Rezensionen ist von einem Skandal- und einem Hassbuch die Rede, die Namen „Hitler“ und „Breivik“ werden zum Vergleich aufgeboten. In den Kommentarspalten des Internets findet Pirinçci einige Unterstützung. Inzwischen ist sogar von einer Pirinçci-Debatte die Rede.

          Das alles und noch viel mehr macht Pirinçci wütend

          Eine Debatte mit Pirinçci jedenfalls wäre schwer. Sein Buch ist keine Einladung, über etwas zu streiten. An ein, zwei Stellen bezeichnet er seine Mitteilungen zwar als „Argumente“, aber eigentlich ist es mehr eine Schimpfrede, die er hält. Er will sich Luft machen, und der Zuspruch, den er erhält, zeigt, dass ihm das auch für andere gelungen ist. Verglichen mit Pirinçci, ist der häufig zum Vergleich herangezogene Thilo Sarrazin ein Muster an Gesprächsbereitschaft.

          Was macht Pirinçci? Er nimmt Sachverhalte, die berichtet werden, und behauptet, dass sie nicht oder ganz falsch berichtet werden. Er nimmt Meinungen, die im Umlauf sind, und behauptet, dass man dafür gegrillt wird, wenn man sie äußert. Und er fühlt sich bestätigt, wenn jemand ihm widerspricht. Er redet über Leute („Wichser“) und Ansichten („Hirnschwund“), die ihm nicht passen, und setzt, wenn er über sie schreibt, Worte wie „verfickt“ davor oder „schwachsinnig“.

          Dieses Land hat, sagt er, schöne Wälder, es trägt Europa, Spitzenerfinder leben von jeher in ihm. Aber es stellt auch Abtreibung straffrei, in seinen Kneipen darf man nicht rauchen, es hat Medien, die sich zu viel mit dem „Abseitigen des Sex“ beschäftigen. Das alles macht Pirinçci wütend, und seine Liste ist noch viel länger. Der deutsche Staat sei ein „Raubtiersozialismusstaat“, jedem Doofen werde ein Einserabitur verschafft, seine Politiker seien verblödete – auch „versiffte“ – Hampelmänner, die Politik „von Gleichgeschlechtlichen geradezu infiltriert“.

          Versatzstücke internationaler Schimpf-Essayistik

          Nun gibt es viele Diskussionen darüber, dass hierzulande die Steuersätze zu hoch sind, die Bürokratie überhandnimmt, das Bildungssystem die Abschlusszertifikate inflationiert und der Boulevard samt dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen zivile Standards unterbietet. Das gilt auch für die Aggressivität, mit der sich religiöse Lobbys zuweilen äußern oder die in manchen Jugendmilieus handgreiflich wird.

          Ob das Strafrecht zu milde urteilt, die Polizei durchgriffsstark genug ist, wie fassadenhaft manche Gleichstellungspolitik bleibt, woher die hohen Scheidungsraten kommen – über all das wird gestritten. Insofern ist Pirinçcis Geste, es – „das ganze System ist für’n Arsch“ – müsse endlich mal gesagt werden, und zwar von einem, der sich den Mund nicht verbieten lasse, genauso kindisch wie das Lob mancher seiner Leser, endlich sage es mal einer.

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