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Ai Weiwei und Liao Yiwu : Einer musste sich erst Mut antrinken

Ai betont, dass ihm die Verhaftungen selbst nahegegangen seien, weil auch zwei seiner Anwälte betroffen gewesen seien, und dass diese Anwälte einen festen Platz in den Geschichtsbüchern hätten. Er habe sich auch für sie eingesetzt. „Aber alle Appelle kommen mir so kraftlos vor. Das zentralistische System gibt den Menschen das Gefühl, dass ihre Existenz zutiefst sinnlos ist.“ Solange China noch kein Rechtsstaat sei, müsse jeder Bürgerrechtsanwalt mit einer Verhaftung rechnen, und er frage sich wirklich, warum man ein so großes Thema daraus mache.

Offensichtlich ist es die sentimentale Bespiegelung der eigenen Betroffenheit, die Ai Weiwei gegen den Strich geht, die Einforderung nicht von Engagement, sondern von Engagement-Kitsch, der dem Ernst der Lage nicht gerecht wird. Immer wieder weist er die großen Begriffe, die Liao ihm andient, zurück. Freiheit? Schwer darüber zu reden. Seitdem er in Deutschland lebe, fühle er sich vor allem ruhiger, weil er versuche, die Dinge rational anzugehen. Widerstand? Kann man die Protagonisten der Demokratiebewegung von 1989, von denen viele in den Westen gegangen waren, heute noch als Helden ansehen? In verschiedenen Wissensbereichen, sagt Ai, seien bestimmte Methoden zu einer bestimmten Zeit sinnvoll und später dann wieder nicht mehr. So sei auch Widerstand in einem bestimmten Kontext wichtig, und in einem anderen verliere er seinen Gegenstand.

Zum Schluss der Zusammenstoß

An einer Stelle nimmt Ai dann auch die hohe Warte auf die Schippe, von der aus in Deutschland oft auf die Welt geblickt wird – auf eine sehr ironisch indirekte Weise allerdings. Liao hatte aus einem Interview zitiert, in dem Ai sagte, er sei ein Baum, der wachse. „Worin aber bestehen denn die Wurzeln dieses Baums?“, fragt er. „Ich bin manchmal naiv und habe Illusionen“, sagt Ai in Anspielung auf das Befremden, das seine Interviews in Deutschland zum Teil ausgelöst haben. 2007 hatte auf der Documenta in Kassel ein Gewitter seine Installation alter Stühle umgeworfen. Er habe das einfach so hinnehmen müssen, es hätte nichts geholfen, wenn er gesagt hätte: „Diese alten chinesischen Stühle halten einem modernen deutschen Gewitter einfach nicht stand.“

In anderem Zusammenhang sagte er, nur einmal, während seiner Haft, habe ihn die Angst befallen, sich nicht mehr in seiner ureigenen Lebendigkeit ausdrücken zu können. Das scheint für Ai Weiwei auch sonst das entscheidende Kriterium zu sein. Zum Schluss gibt es dann noch mal einen Zusammenstoß. Liao fragt Ai, ob er überhaupt wisse, dass er mit einem politischen Flüchtling rede. „Wenn du nicht mehr nach China einreisen kannst, wirst du dann auch ein politischer Flüchtling sein? Und wirst du dann dein riesiges Berliner Atelier Flüchtlingen als Unterkunft zur Verfügung stellen?“ „Ich sehe es nicht so“, gibt Ai zurück, „dass du ein politischer Flüchtling bist. Dir geht es gut hier, du verdienst mit deinen Büchern ausreichend Tantiemen, um dich zu alkoholisieren.“ Ob er selbst wieder ein- und ausreisen dürfe, könne niemand sicher vorhersagen. „Und mein Atelier soll ein Atelier bleiben.“ Liao Yiwu daraufhin: „Ich mag dich, weil du ein aufrichtiger Mensch bist.“ Er spielt auf der Flöte ein Stück, das er aus Dankbarkeit für Herta Müller „Atemschaukel“ genannt hat, und anschließend versucht er etwas ungelenk, Ai Weiwei zu umarmen.

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