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Absage der Buchmesse : Leipziger Hiobsbotschaft

Buntes Treiben im März 2019: Besucher auf dem Treppenaufgang zu den Buchmesseständen in der Glashalle des Leipziger Messegeländes Bild: dpa

Zur Buchmesse richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Medium, das mehr als jedes andere mit unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis verknüpft ist. Auf Gedeih und Verderb. Was die Leipziger Absage so schmerzlich macht.

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          Die Leipziger Buchmesse findet schon wieder nicht statt. Nach dem letztjährigen Ausfall, der am Anfang der Corona-Pandemie in Deutschland stand – kurz darauf wurde der erste Lockdown verkündet –, ist die Veranstaltung, diesmal für Ende Mai geplant, wieder abgesagt worden. Man kann wohl sagen: auf dem Höhepunkt der Pandemie.

          Das ist eine einschneidendere Entscheidung als die beiden Buchmessen-Absagen vom vergangenen Jahr in Leipzig und Frankfurt. Denn Leipzig hatte alles dafür getan, um einen abermaligen Ausfall zu vermeiden: Verschiebung des Termins von Mitte März auf den wärmeren Spätfrühling, Verlagerung von Veranstaltungen aus den Hallen ins Freie (bei der erhofft günstigen Witterung), Reduktion der Besucherzahl auf etwa ein Drittel der sonst üblichen 300.000, strenges Hygienekonzept im Inneren.

          Das alles wurde obsolet gemacht durch die unabsehbaren Gefahren des mutierten Virus, dessen Ausbreitung bei einer so großen und zumindest in Ansätzen auch diesmal noch weltweit besuchten Veranstaltung wie der Leipziger Buchmesse zu befürchten gewesen wäre. Und das angesichts des schleppenden Beginns der Impfungen in Deutschland, auf deren Erfolg die Leipziger Ausrichter bei ihrer Verschiebung gesetzt hatten. Wie auch die Verlage als Aussteller.

          Lektüre als wichtiges Korrektiv

          Natürlich stand hinter dem Mai-Termin auch die Erwartung, bei Durchführung der Messe der internationalen Buchbranche ihre erste Großveranstaltung seit Ausbruch der Pandemie zu bescheren – und sich selbst damit ein noch mal gesteigertes Interesse. Nun hat wohl mehr als die Buchmesse selbst die Leipziger Messegesellschaft die Reißleine gezogen. Die Stadt ist darin Hauptgesellschafterin, und Leipzig hat sich einem rigideren Corona-Kurs verschrieben als andere Kommunen. Die Absage bedeutet nun aber auch den Verzicht auf seine publikumsträchtigste Messe, was für das lokale Hotel- und Gastronomiegewerbe einen weiteren schweren Rückschlag bedeutet.

          Aber die Wirkung geht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Einmal im Blick auf den globalen Buchhandel. Der deutsche Markt ist weltweit eine Macht. Nirgendwo sonst werden so viele Bücher aus Fremdsprachen übersetzt. Und mit den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig gibt es hierzulande die beiden größten Veranstaltungen ihrer Art. Das spielt ineinander, weil diese Messen Austauschforen sind. Gerade im wachsenden Isolationsbestreben von Staaten und Kulturen angesichts der Infektionsgefahr ist Lektüre ein wichtiges Korrektiv. Diese Rolle ist zwar ohne Leipzig (und gegebenenfalls Frankfurt) noch nicht ausgespielt, aber sie wird geschwächt.

          Für den hiesigen Buchhandel alarmierend

          Besonders hart aber trifft die Absage hiesige Buchläden und die deutschsprachigen Verlage. Der Umsatz im Buchhandel ist im vergangenen Jahr rückläufig gewesen – kein Wunder, möchte man meinen, wo doch beide Lockdowns auch die Buchläden betrafen. Aber im gleichen Zeitraum sind die Umsatzzahlen auf den beiden anderen großen europäischen Märkten, in Großbritannien und Frankreich, jeweils gestiegen. Und das im französischen Fall sogar trotz eines zeitweiligen Lieferverbots auch für den Buchversandhandel im vergangenen Frühjahr.

          Lesen die Deutschen also unter den Bedingungen der Corona-Krise nicht so viel wie andere Nationen? In Frankreich und Großbritannien waren die gesellschaftlichen Einschränkungen teils härter als in Deutschland, es mag dort also mehr erzwungene Muße fürs Lesen gegeben haben. Aber es muss den hiesigen Buchhandel alarmieren, dass in einer Situation, von der ständig behauptet wurde, sie müsste doch das Lesen begünstigen, kein Wachstum festzustellen ist – Lockdown hin oder her.

          Eine Woche lang steht das Buch im Fokus

          Die Bundesregierung hat Millionen an Staatshilfe für die Ausrichtung der Buchmessen lockergemacht, gerade auch für die Schaffung digitaler Plattformen, die das Präsenzgeschehen in den Hallen ersetzen sollten. Wie erfolgreich das war, kann man daran ermessen, dass nach der nur im Netz abgehaltenen Frankfurter Buchmesse massiv Personal abgebaut werden musste, obwohl die Mitarbeiter immense Mühe auf die Umstellung verwandt hatten.

          In Leipzig ist der Apparat viel kleiner. Aber die Frage, ob die Fördermittel, die im kommenden Mai zumindest eine digitale Plattform für Lesungen ermöglichen, wirklich dem Erhalt eines Geschäftsmodells zugutekommen werden, das unter den derzeitigen Bedingungen keinen Bestand haben kann, stellt sich gewiss ebenso dringlich wie im Falle von Kaufhäusern oder Reiseveranstaltern.

          Doch es geht um mehr als Jobs. Es geht um ein zentrales Element der Kultur. Mag sein, dass die Buchmessen gar keinen erheblichen Anteil am Markterfolg einzelner Bücher haben. Aber anlässlich ihrer beiden Termine richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit jeweils eine Woche lang auf ein Medium, das mehr als jedes andere mit unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis verknüpft ist. Auf Gedeih und Verderb. Das macht die Leipziger Nachricht zu einer Hiobsbotschaft.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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