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Abbas Khiders Irak-Roman : Willkommen in der herzlichen Hölle

Abbas Khider Bild: Yves Noir Photographie

Vor vier Jahren wollten ihn alle zur Flüchtlingskrise befragen: Der Schriftsteller Abbas Khider ist aus dem Irak geflohen und schreibt deutsch. Jetzt ist „Palast der Miserablen“, sein Überlebensroman, erschienen.

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          Es ist genau vier Jahre her, dass Abbas Khiders Roman „Ohrfeige“ erschien und Khider, wie schon im Sommer davor, in deutsche Talkshows und Reportagesendungen eingeladen wurde, die ihn, den ehemaligen Flüchtling aus dem Irak, zur Flüchtlingskrise befragen wollten. Denn „Ohrfeige“ war ein Roman über einen Asylbewerber, der mit Hilfe eines Schleppers aus dem Irak flieht und als Illegaler ausgerechnet im verschneiten Dachau landet, das er zunächst für einen Vorort von Paris hält. Es war eine Geschichte, die der Rede und der Sichtweise desjenigen, der hier nach Deutschland gekommen war, Gehör verschaffte und zugleich in beeindruckender Weise davon erzählte, wie alle alle manipulieren. Wie bei Befragungen in deutschen Behörden diejenigen, die Asyl beantragen, von einem einzigen Menschen, von dessen Launen und Vorstellungen abhängig sind und wie diese Abhängigkeit immer neue Biographien hervortreibt: In „Ohrfeige“ ist im Asylantenheim am beliebtesten, wer den anderen die beim Richter erfolgreichste Lebensgeschichte erfindet.

          Julia Encke

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Abbas Khider ging damals nicht in die Talkshows, die ihn eingeladen hatten. „Ich bin Schriftsteller, kein Vampir. Ich lebe nicht vom Blut der anderen“, sagte er. Er schrieb weiter – auf Deutsch. Mit 19 war er im Irak verhaftet worden, als er mit Freunden Flugblätter gegen Saddam Hussein verteilt hatte; zwei Jahre war er in den Gefängnissen Bagdads interniert, bevor es ihm, nach seiner Entlassung, gelang, aus dem Irak zu fliehen. 2000 kam er nach Deutschland, fand Asyl, studierte in München und Potsdam Literatur und Philosophie und fing damals an, in der Sprache, die er hier lernte, zu schreiben. Der Abbas-Khider-Sound entstand so, mit dem er längst zu den wichtigen deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart gehört. Seine Literatur ist überraschend nüchtern, mit kurzen Sätzen, einem schonungslosen Blick für die Grausamkeiten von Krieg und Folter und voller Humor, der halb befreiend, halb bitter ist.

          Jetzt ist endlich – er wirkt erleichtert – sein neuer Roman fertig, „Palast der Miserablen“, der ihm alles abverlangt habe, wie er in Berlin in einem Café am Hermannplatz erzählt: so sehr, dass er zwischendurch mit der Arbeit daran aufhören musste. „Ich hatte von diesem Buch acht Fassungen, und nach der vierten Fassung dachte ich, ich brauche eine lange Pause, brauche Distanz zu meinem Text, um mit anderen Augen daran arbeiten zu können. Ich dachte, ich muss etwas anderes machen, und habe angefangen, über mein Verhältnis zur deutschen Sprache zu schreiben, weil ich danach immer wieder gefragt werde. Sieben Wochen lang habe ich einfach alles aufgeschrieben, was mir einfiel. Das war wirklich Spaß pur.“ Das Spaßprodukt hieß „Deutsch für alle“ und wurde vor einem Jahr völlig zu Recht zu einem Erfolg. Khider schilderte, wie er, als er in der Bundesrepublik ankam, nur drei deutsche Wörter kannte: „Hitler, Scheiße und Lufthansa“, allerdings den Anspruch hatte, Kant, Hegel und Hölderlin im Original lesen zu wollen. Wozu mussten Adjektive passend zum Substantiv gebeugt werden? Wozu gab es fast mehr Präpositionen als französische Käsesorten? In seiner Satire entwarf er ein neues, viel weniger kompliziertes Deutsch – und schrieb im komplizierten Deutsch an seinem Roman weiter, der diesmal nicht von Deutschland handelt, sondern vom Irak.

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