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40 Jahre Edition Nautilus : Vom Spürsinn der Kopffüßer

  • -Aktualisiert am

Herz und Seele der Edition Nautilus: Hanna Mittelstädt (r.) und Lutz Schulenburg. Seit dem Tod Schulenburgs führt die Mitgründerin den Verlag im Kollektiv. Bild: Ullstein

Linkes Kunststück: Die Hamburger Edition Nautilus ist seit mehr als vierzig Jahren als Kleinverlag im Geschäft. Sie hat Bücher herausgebracht, die Epoche gemacht haben, und sie trotzt den Gesetzen der Branche.

          Es ist nicht nur Nostalgie, die manchen wehmütig in die siebziger Jahre zurückblicken lässt. Damals waren legendäre Verlage wie das Merve-Kollektiv, Rotbuch oder der durch seine akribischen Editionen zum Klassiker gewordene Frankfurter Rote Stern Aushängeschilder einer undogmatischen Linken, die sich nach Adornos Tod 1969 rasant von der Suhrkampkultur zu emanzipieren begann. Raubdrucke zirkulierten, Theoriedebatten fanden parallel zur Produktion von Büchern statt, als handelte es sich hier nicht um im Handelsregister eingetragene Kleinstbetriebe, sondern um die Inszenierungen von Brechtschen Lehrstücken. Das Bewusstsein befand sich auf einem Stand, von dem man heute angesichts einer beispiellosen Vergiftung des öffentlichen Raumes durch Verschwörungstheorien und hate speech nur träumen kann.

          Am 1. April 1974 erfolgte die Eintragung des MaD-Verlags (Materialien, Analysen, Dokumente) ins Hamburger Handelsregister. Die Herausgeber damals: Hanna Mittelstädt, Lutz Schulenburg und Pierre Gallissaires. Letzterer hatte als Franzose, der Anfang der Siebziger in den Anarchistenkellern der Hamburger Szene auftauchte, nicht nur frische Erinnerungen an den Pariser Mai von 1968 im Gepäck, sondern auch Kontakte zu einer Bewegung, die damals in Deutschland nur in den elitären Künstlerkreisen der Gruppe „Spur“ oder am Rande des SDS eine gewisse Bedeutung erlangt hatte: den französischen Situationisten. Von diesem avantgardistischen Brückenkopf aus ließen sich Verbindungen zu Dada oder dem Surrealismus herstellen; um sich von Letzteren abzugrenzen, nannte man sich in Hamburg einfach „Subrealisten“.

          Des Streits zwischen Theoretikern und Aktivisten müde

          Seit 1971 hatten Schulenburg und Gallissaires bereits die Zeitschrift „MaD“ herausgegeben, die bald nach der Gründung in „Revolte!“ umbenannt worden war. Die darin publizierten Manifeste und Pamphlete, ganz im Zeichen des Anarchosyndikalismus gehalten, bildeten die Grundlage für die bis heute zentrale Reihe der „Flugschriften“. Weil eine Verwechslung mit dem deutschen Ableger des „MAD-Magazins“ nicht auszuschließen war, musste der Verlag 1976 in „Edition Nautilus“ umbenannt werden. Die Nautilusschnecke ziert die meisten Ausgaben und die Verlags-Homepage.

          Es ist nicht in erster Linie die sprichwörtliche Langsamkeit der Schnecke, der sich das Verlagssignet verdankte, sondern ihre einzigartige Seinsform als Kopffüßer. Übertragen hieß das, dass der ermüdende Streit zwischen Theoretikern und Aktivisten von den drei Verlegern als überflüssig erachtet wurde.

          Eine Verlagerung intellektueller Diskurse

          Hanna Mittelstädt und Schulenburg waren echte Dilettanten, insofern sie nichts außer ihrer Leidenschaft für Poesie und Revolte für die Gründung eines Verlages qualifizierte. Schulenburg, der aus einer Arbeiterfamilie stammte, hatte bereits mit fünfzehn die Schule geschmissen, und Hanna Mittelstädt, die immerhin ein bürgerliches Abitur abgelegt hatte, konnte sich nicht länger als zwei Semester für ein Soziologiestudium begeistern. Die Skepsis gegenüber dem allzu gelehrten Wissen wendiger Akademiker, die bald die Hermetik und rhetorischen Finessen der französischen Dekonstruktivisten als Distinktionsmerkmal für den Aufstieg im Universitätsbetrieb nutzten sollten, hat sich die Edition Nautilus seitdem bewahrt.

          Im Programm zeichnet sich eine Entwicklung ab, von der in den letzten zwei Jahrzehnten besonders die Verlagskollegen von Matthes & Seitz profitiert haben: Die Krise der Universitäten, die auf verfehlte Nachwuchsförderung und die Herausbildung eines die theoretische Radikalität der verehrten Meisterdenker nur noch simulierenden Konformismus zurückzuführen ist, hat eine Verlagerung intellektueller Diskurse an Theater, Museen und Kunsthochschulen bewirkt. Damit verbunden ist auch eine Veränderung der Sprache.

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