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40 Jahre Edition Nautilus : Vom Spürsinn der Kopffüßer

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Das wird wohl mit Maurizio Maggiani so schnell nicht passieren. Die Prosa des 1951 in der ligurischen Provinz La Spezia geborenen Autors, der 2005 den renommierten Premio Strega gewonnen hat, scheint für die mediterrane und für die melancholische Seite des Verlags zu stehen. Doch Maggianis grandiose Naturschilderungen und seine aus der Zeit gefallenen Sonderlinge bilden nur den Kontrast zu Gewaltexzessen in Vergangenheit und Gegenwart. Maggianis Treue zur Edition Nautilus mag nicht zuletzt der vorzüglichen Gestaltung der Einbände seiner Bücher geschuldet sein. Seit mehr als 25 Jahren gestaltet Maja Bechert die unterschiedlichen Reihen und Einzelausgaben mit einem für kleine Verlage so wichtigen Wiedererkennungseffekt. Ihre stilistischen Ausdrucksmöglichkeiten, die vom Comic über die Phantastik Beardsleys bis zur Montagetechnik von Dada und den Surrealisten reichen, spiegeln das breite Spektrum des Verlagsprogramms.

Auf den großen Triumph folgte die größte Krise

Wer den Blick über die chronologisch angeordneten Regale in den Büros des Verlags schweifen lässt, ahnt etwas von einer ungeschriebenen Kulturgeschichte der letzten vierzig Jahre, bei der es eben nicht auf den „Marsch durch die Institutionen“ ankommt. Eindrücklich ist der lockere Umgang im Haus, zu dem Duz-Kultur und flache Hierarchien von Anfang an dazugehörten. Der Erwerb einer Immobilie in Bahrenfeld mit blumengeschmücktem Innenhof - Hanna Mittelstädt ist eine begnadete Gärtnerin - war erst durch den größten Coup der Verlagsgeschichte möglich: die Entdeckung der Krimiautorin Andrea Maria Schenkel. Deren Krimis „Tannöd“ und „Kalteis“ dominierten 2007 wochenlang die Bestsellerlisten und machten mit mehr als einer Million verkaufter Exemplare inklusive Film- und Übersetzungsrechten eine ökonomische Konsolidierung des Verlags möglich.

Auf den Bestseller-Triumph folgte 2013 mit dem plötzlichen Tod Lutz Schulenburgs die größte Krise. Auch wenn dieser schmerzliche Verlust so schnell nicht ersetzt werden konnte, gestaltet sich die Entwicklung seit der Zäsur erfreulich unaufgeregt und kontinuierlich. Das obligate Klagen der Branche hört man von der Edition Nautilus nicht. Klar, man bietet auch E-Books an, macht davon aber kein Aufhebens. Zwar gibt es das legendäre Netzwerk linker Verlagsbuchhändler schon lange nicht mehr, doch in der Independent-Szene hilft man sich selbstverständlich auch in Zeiten von Whatsapp und Facebook. In Hamburg weiß man ohnehin, was man an den hier ansässigen unabhängigen Verlagen hat. Nicht nur der Szenebuchladen cohen & dobernigg im Schanzenviertel kooperiert mit der Edition, auch in den Depots der traditionsreichen Innenstadt-Buchhäuser liegen die Nautilus-U-Boote vor Anker.

Eine List der anarchistischen Unvernunft

Seit Mai dieses Jahres ist die Edition Nautilus nun eine GmbH mit fünf Gesellschaftern im Alter von 26 bis 63 Jahren, darunter vier Frauen. Wohin die Zukunft des Verlags führen könnte, lässt sich an der vom kommenden Herbst an erscheinenden bibliophilen Reihe „Utopien für Hand und Kopf“ erahnen. Für die erste Lieferung sind ein Roman des Arts-&-Crafts-Ästheten William Morris und Reden von Martin Luther King geplant; man scheut sich nicht, mit den Büchern „LOHAS und Hedonisten, Genießer mit Gewissen, Salonanarchisten, coole Patentanten“ anzusprechen.

Droht auch diesem Urgestein der linksextremen Subkultur der Ausverkauf an Hipster und Designer, die den radical chic der Edition Nautilus für sich beanspruchen? Nach den bisherigen Erfahrungen handelt es sich wohl eher um eine List der anarchistischen Unvernunft. Sollen doch die Hedonisten und coolen Patentanten die radikalen „Flugschriften“ querfinanzieren; für ein paar hübsche Coffee Table Books braucht sich Nautilus nicht zu schämen.

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