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40 Jahre Edition Nautilus : Vom Spürsinn der Kopffüßer

  • -Aktualisiert am

Eine Ahnung vom anarchistischen Potential

Laurie Penny, die aktuell zu den wichtigsten Autorinnen der Edition Nautilus zählt, scheut sich nicht, die heutige Gesellschaft als „abgefuckt“ zu bezeichnen. In ihrer feministischen Fundamentalkritik hält sie sich gar nicht erst lange mit den Obsessionen der Prenzlauer-Berg-Feministinnen auf: Quote und die Work-Life-Balance spielen bei ihr keine Rolle. Dass Penny jüngst auch als Autorin von Kurzgeschichten in Erscheinung trat („Babys machen“, 2016), bestätigt die für Nautilus programmatische Verbindung von Poesie und Politik.

Wenn man neben Penny den Erfahrungsbericht „Von Wegen - Überlegungen zur freien Stadt der Zukunft“ (2015) des Recht-auf-Stadt-Aktivisten und Journalisten Niels Boeing hält, bekommt man eine Ahnung von einem anarchistischen Potential, das sich nicht qua Identitätspolitik in verschiedene Interessensgruppen auseinanderdividieren lässt. Mit Henri Lefebvres „Recht auf Stadt“ (im französischen Original 1984 erschienen) ist nun endlich die theoretisch elaborierte Programmschrift dieser Bewegung auf Deutsch verfügbar. Man traut Penny und Boeing jedenfalls den notwendigen langen Atem zu, um in einer polarisierten Debattenkultur die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Eine Osterweiterung des Verlags

Es ist dieser lange Atem, der den Verlag mit der Schnecke auszeichnet. Die ersten editorischen Großprojekte waren Schwerstarbeit. Die Jahrgänge der Zeitschrift „Situationistische Internationale“, die als Reprint erschienen, mussten erst einmal übersetzt, graphisch gestaltet und ausgeliefert werden. Vieles an dieser Edition blieb verbesserungswürdig, doch schwerer wog, dass sich Ende der siebziger Jahre kaum jemand für diesen weiteren Import aus Frankreich interessierte. Das ist auch nicht besonders überraschend, denn just als sich das Nautilus-Trio an die Übersetzung machte, gab die Situationistische Internationale 1972 ihre Selbstauflösung bekannt. Guy Debords Hauptwerk „Die Gesellschaft des Spektakels“, das 1978 nach elf Jahren auf Deutsch erschien, hat zumindest hierzulande keine nennenswerte Debatte ausgelöst. Es waren ja auch die Zeiten von Punk und Pop, Kulturkritik schien von gestern. Die Distanz zum Erfolgsgaranten Popkultur ist auffällig bei einem Verlag, der sich zum libertären Hedonismus bekennt.

Stattdessen investierte man Anfang der achtziger Jahre erhebliche Ressourcen in die aufwendig gestaltete und wenig rentable sechzehnbändige Gesamtausgabe der Werke des bis dahin weitgehend vergessenen Autors Franz Jung, eines genialischen Autodidakten aus Niederschlesien, der es in der Weimarer Republik vom Börsenjournalisten bis zum Anarchisten, Expressionisten und Dada-Künstler gebracht hatte. Die Würdigung dieses Autors, besonders für Lutz Schulenburg eine Herzensangelegenheit, führte über Ost-Berlin - dort wohnte Jungs Witwe Cläre. Die Osterweiterung des Verlags setzte sich auf Wunsch des Autors mit Peter Hacks’ 1996 veröffentlichter Essaysammlung „Die Maßgabe der Kunst“ fort.

Treue und untreue Autoren

Die Geschichte eines kleinen Verlags ist die Geschichte von literarischen Entdeckungen, doch auch Abgänge sind unvermeidlich. Frank Witzel, der Ende der Siebziger zu Nautilus stieß, bekam 2015 den Deutschen Buchpreis für ein Tausendseitenwerk, das aber bei Matthes & Seitz erschienen ist. Franz Dobler, dessen Debütroman „Tollwut“ 1991 von der Edition Nautilus verlegt wurde, erhielt ebenfalls im letzten Jahr für „Der Bulle im Zug“ den Deutschen Krimipreis: als Autor des Klett-Cotta-Imprints Tropen Verlag. In Hamburg nimmt man diese Dynamik des Literaturbetriebs gelassen hin, doch nicht immer läuft alles so reibungslos ab wie bei Witzel und Dobler: Der überraschende Wechsel des gefeierten Romanciers Abbas Khider zu Hanser bot vor kurzem ein unerfreuliches Beispiel.

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