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250 Jahre C. H. Beck : Alles, was Recht ist

Mehr als siebenhundert Gäste kamen in Prinzregententheater Bild: Schmitt, Tobias

Udes Witz und Vosskuhles Kohlenstoff: Der Münchner Verlag C. H. Beck wird 250 Jahre alt und feiert das mit viel Prominenz aus dem Reich des Rechts, für das Beck die literarische Heimstatt ist.

          Vierzig Jahre, wollen Organisationsforscher ausgerechnet haben, ist die Durchschnittslebensdauer einer Firma. Dass in diese Zahl vielleicht die Firmen Vatikan und Oxford University mit eingegangen sind, macht die geschlossene Kontinuität mit fünf Erbübergängen vom Vater auf den Sohn, die der C.H. Beck Verlag seit 1763 vorweisen kann, umso erstaunlicher. In München wurde das Jubiläum des führenden deutschen Hauses für rechtswissenschaftliche und historische Literatur darum am vergangenen Samstag auch in sehr angemessener Länge begangen. Fünf Festreden und vier Sätze aus Beethovens Septett Opus 20 lang - aber so gut wie keiner der mehr als siebenhundert Gäste verließ das Prinzregententheater vorzeitig. Was sind drei Stunden in 250 Jahren?

          Allenfalls die Wittelsbacher, meinte Münchens OB Christian Ude, könnten da in Bayern mithalten, wobei diese ihre Probleme drohender Diskontinuität weniger elegant gelöst hätten als einst das Haus Beck. Nämlich nicht durch Heirat der Stammhalterwitwe mit dem Geschäftsführer, sondern durch Ersäufen der Agnes Bernauer. Udes an Witz und Kürze perfekte Rede erklärte auch die Grundlage des Beckschen Geschäftserfolges: unbezahlte Fronarbeit durch Studenten und Kanzleisekretariate beim Einordnen von wöchentlichen Gesetzesänderungen in juristische Loseblattsammlungen - Palandt, Sarorius und Schönfelder heißen die Ordner - und unterbleibende Kommunikation unter Richtern. Deren Urteile würden durch Abdruck in der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ zur Zwangslektüre von Anwälten, die das Gelesene dann als Schriftsatz bei anderen Gerichten einreichten, wodurch die dortigen Richter erst von jenen Urteilen erführen, was abweichende Urteile und neuerliche Zwangslektüre, also wieder verlegerische Umsätze verursache.

          Die Gegenwart von Bürgerlichkeit

          Verleger Wolfgang Beck vom historischen Verlagssegment bedankte sich artig dafür, dass der Wahlkämpfer Ude (SPD) die Zeit für diese Aufklärung des Bewirtschaftungskreislaufs erübrigen konnte. Das heiße aber nicht, dass er ihn deswegen wählen werde. Gelächter der anwesenden bayerischen und überbayerischen Judikativprominenz, in das hinein Beck ergänzte: nicht deswegen.

          So war man aufgeräumter Stimmung, von Hans Dieter Becks - Chef des juristischen Verlags - uneitler Chronik der Geschäftstätigkeit bis zu Andreas Vosskuhles Ausführungen über die CO2-Bilanz des Rechtsstaats: unendlich viel Papier und alles voll von Kommentaren, neun bei Beck allein zum Grundgesetz. Der höchste deutsche Richter erklärte den Verlag zum nichtoffiziellen Organ der Rechtspflege, und der Berliner Germanist Peter André Alt fand salbungsvolle Worte über eine Verlagsgeschichte, die jeden aufklärerischen Optimismus ins Recht setze.

          Na, ja, das war dann doch ein bisschen sehr geschliffen: Walter Flex, Oswald Spengler und Heimito von Doderer, einst Erfolgsautoren des Verlages, haben zwar sonst nichts miteinander zu tun, doch als Belegstücke für eine Geschichtsphilosophie der aufgeklärten Perfektion durch Publikation wird man sie nicht verwenden wollen. Hans Dieter Beck, Ude und Vosskuhle hatten auch die rassistischen „Nürnberger Gesetze“ erwähnt, deren Kommentar durch den unsäglichen Hans Globke 1936 im Verlag erschienen war. Es ging also nicht immer dem Gemeinwohl nach.

          Entscheidend für die erfreute Festversammlung, die von Jürgen Habermas bis Hans-Jochen Vogel viel große Bundesrepublik enthielt, waren aber nicht die Überhöhungen. Wozu hier gratuliert wurde, war die Gegenwart von Bürgerlichkeit im besten Sinne - ein Familienunternehmen, das jetzt schon eine ganze Weile beweist, dass Geschäftsverstand und Geist, Besitz und Bildung, keine Gegensätze bilden müssen und dass es doch viel besser ist, Verlage verdienen an Anwälten als Anwälte an Verlagen.

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