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Neue Nowitzki-Biografie : Das große Dazwischen

Dirk Nowitzkis Geschichte ist auch die eines Landes, dessen Kinder sich spielend Einflüsse von außen zu eigen machen, weil es sonst zu eng werden könnte, daheim. Bild: dpa

Thomas Pletzingers umwerfende Biografie „The Great Nowitzki“ erzählt die Geschichte der Würzburger Basketballegende Dirk Nowitzki. Im Interview verrät der, wie er sich sein Leben zwischen Deutschland und Dallas künftig vorstellt.

          8 Min.

          Zwei deutsche Kinderzimmer in den achtziger Jahren, eins in Hagen, das andere in Würzburg, in beiden hängen die gleichen Poster amerikanischer Basketballer an der Wand. In dem einen wird der Schriftsteller Thomas Pletzinger groß, in dem anderen der Basketballer Dirk Nowitzki. Jetzt hat der eine über den anderen ein Buch geschrieben: Es handelt von einem Jungen aus Deutschland, der nach Amerika geht, um alles aus sich herauszuholen, was in ihm steckt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber zwischen den Zeilen handelt es auch davon, wie man in diesem Land aufwächst und sich von anderswo dazuholen muss, was man braucht. Weil das, was man vorfindet an Büchern, Platten, Filmen, Sport, und das, was über diese Bücher, Platten, Filme und den Sport auf Deutsch geschrieben wird, nicht reicht. „The Great Nowitzki“, Thomas Pletzingers Annäherung an den sehr großen (2,13 Meter) fränkischen Basketballstar, der mit den Dallas Mavericks 2011 NBA-Meister wurde, ist auch die Geschichte einer typisch bundesrepublikanischen Adaption amerikanischer Vorbilder.

          Im Fall Nowitzki geht es dabei um einen Jungen aus Würzburg, der als Teenager von einem Mentor entdeckt wird, Holger Geschwindner, der selbst in den Sechzigern von einem Amerikaner, der in den Army Barracks von Gießen als Lehrer arbeitete, das Basketballspielen gelernt hatte. Und wie der junge Nowitzki und der ältere Geschwindner daran arbeiten, Dirks Talent in etwas zu verwandeln, was es bis dahin noch nicht gibt im Basketball: wo die Riesen sonst unter dem Korb warten müssen, damit sie den Ball nur noch versenken. Nowitzki aber dribbelt und wirft, verbindet europäische Taktik mit amerikanischer Power und wechselt mit 19 zu den Dallas Mavericks, spielt 21 Jahre lang für sie in der NBA. Am Ende kopieren andere Profis seine Tricks.

          Nowitzki, schreibt Pletzinger, „hatte ein amerikanisches Spiel grundlegend verändert, er hatte es revolutioniert. Basketball seit Nowitzki war anders als Basketball vor ihm: beweglicher, variabler, weniger erwartbar, feiner, raffinierter. Das Spiel war internationaler und weltgewandter.“ Und: „Er hat sich etwas genommen, was ihnen gehörte.“

          Sich etwas zu nehmen, was anderen gehört, um es sich zu eigen zu machen, bis etwas Neues daraus entsteht, zu Hause im Dazwischen: Im Falle des Erzählers Thomas Pletzinger beginnt das beim Format. Kaum jemand schreibt über Sport auf Deutsch, wie Pletzinger es tut (und wenn, dann über Fußball). Pletzinger aber tut es schon zum zweiten Mal, nach „Gentlemen, wir leben am Abgrund“ (2012), seiner Geschichte einer Meisterschaftssaison mit dem Basketballteam Alba Berlin.

          Der Text erweckt das Spiel zum Leben

          Sportbücher auf Deutsch sind affirmative Biographien für Fans, Bildbände von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Pletzinger aber formt seine Geschichte. Er ist präzise, aber nicht dank Statistik, sondern weil er beobachtet, zweifelt, ringt und erzählend das, was er sieht, noch mal zum Leben erweckt: als Text, als Erlebnis eigener Regeln.

          Und dabei ist er frei von Legitimationsdruck: Sport ist für Pletzinger schlicht eine weitere Ausdrucksform des menschlichen Zusammenlebens und der Wahrheitssuche. Damit steht er in der angloamerikanischen Tradition eines leidenschaftlichen Ernsts beim Schreiben über Sport, weswegen Pletzinger sich immer wieder auf amerikanische Autoren bezieht, Bill Bradley, Thomas Beller, John McPhee. „Die eigene Begeisterung ernst zu nehmen“, sagt Pletzinger im Gespräch, „über die Bedeutung von Sport im eigenen Leben und den kulturellen Hallraum von Sport nachzudenken – das machen in Deutschland nur wenige Autoren. Ich kenne wenige deutsche Basketballtexte, die Popkultur sind.“

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