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The Bay Psalm Book : Das Kleinod der Puritaner von Boston

14,2 Millionen Dollar wert: Das „Bay Psalm Book“, Aufschlagblatt Bild: REUTERS

Das älteste Buch Nordamerikas ist jetzt auch das teuerste: Das „Bay Psalm Book“ von 1640 hat in New York 14,2 Millionen Dollar erlöst. Weit wichtiger als sein Preis aber ist seine Geschichte. Hier ist sie.

          Nie zuvor hat jemand so viel Geld für ein Buch ausgegeben. David Rubinstein, Mitbegründer der Carlyle Group, einer der weltweit größten privaten Beteiligungsgesellschaften, ersteigerte am Dienstagabend bei Sotheby’s in New York „The Whole Booke of Psalmes“, gedruckt 1640 in Cambridge, Massachusetts, für 14,2 Millionen Dollar.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Nur elf Exemplare haben sich von diesem englischen Psalter erhalten, der für den Gottesdienst in der Massachusetts Bay Colony gedacht war und daher in der Buchgeschichte als „The Bay Psalm Book“ firmiert. Zum Vergleich: Vom ersten Folioband der gesammelten Werke Shakespeares existieren noch 228 Stück, etwa ein Drittel der Auflage, und von den ungefähr 180 Gutenberg-Bibeln lassen sich noch 48 nachweisen, davon elf in den Vereinigten Staaten.

          Die Auflage der Psalmenübersetzung war viel höher, sie wird auf 1700 geschätzt. Das bedeutet, dass auf jede Kirchengemeinde der Kolonie 68 Stück kamen beziehungsweise ein Buch auf acht Einwohner.

          Eine Druckerpresse im Winter 1638

          Erst 1628 hatten sich die ersten englischen Siedler in der Bucht bei Boston festgesetzt; die Religionsflüchtlinge führten Krieg gegen die Indianer und suchten im Geistigen doch schon die Konkurrenz zum Mutterland. Am 7. September 1638 schrieb ein Geistlicher an einen daheimgebliebenen Kollegen: „Wir haben ein Cambridge hier, bauen ein College, unterrichten die Jugend, haben eine Bibliothek - und bekommen noch in diesem Winter wahrscheinlich auch eine Druckerpresse.“

          Drei Monate später kam das Gerät an, samt beweglichen Lettern plus einem Papiervorrat im dreifachen Wert der Presse. Der Unternehmer, der die Grundausstattung der ersten Druckerei an Bord der John of London hatte hieven lassen, war während der Überfahrt verstorben: Joseph Glover, ein Geistlicher, der 1636 seine Pfarrstelle aufgegeben hatte, weil er es ablehnte, von der Kanzel ein Dekret des Erzbischofs von Canterbury zu verlesen, das bestimmte Vergnügungen im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst für unbedenklich erklärte.

          Glovers Witwe Elizabeth übernahm das Geschäft; die Presse bediente Stephen Day, der als Schlosser ausgebildet war. Elizabeth Glover heiratete Henry Dunster, den ersten Präsidenten des Harvard College, einen Spezialisten für hebräische Philologie, der die Psalmenübersetzung für die dritte Auflage von 1651 einer gründlichen Überarbeitung unterzog.

          Die Abstimmung in der Gemeindeversammlung

          Den Umfang der Erstauflage kann man aus den Akten eines Gerichtsverfahrens errechnen. Dunster verkaufte die Druckerei 1654 an sein College, worauf ihn die Kinder von Joseph und Elizabeth Glover auf Herausgabe des Inventars verklagten. Thomas Prince, der Pfarrer der Old South Church in Boston, der in seinem Todesjahr 1758 eine neu revidierte und verbesserte Ausgabe des „Bay Psalm Book“ in Druck gab, wies dem Werk „die Ehre“ zu, „das erste in Nordamerika gedruckte Buch“ zu sein. Ergänzen muss man: in Nordamerika nördlich von Mexiko. In Mexiko-Stadt gab es schon 1539 eine Druckerpresse.

          Prince war auch Büchersammler. Schon beim Antritt des Studiums in Harvard 1703 begann er, Bücher zusammenzutragen, die für die Geschichte von Massachusetts von Bedeutung waren. Diese „New England Library“ vererbte er seiner Gemeinde. Zu diesem Bestand gehörten zwei Exemplare der Erstauflage des „Bay Psalm Book“.

          Eines davon ist das am Dienstag versteigerte Buch. Mit 271 gegen 34 Stimmen hatte die Gemeindeversammlung im Dezember vergangenen Jahres den Verkauf beschlossen. Der ehrenamtliche Historiker der Gemeinde, Jeff Makholm, trat im Protest zurück. Makholm prophezeite einen traurigen Tag für Boston: „Dieses Buch ist immer in fußläufiger Entfernung zu dem Ort verwahrt worden, an dem es veröffentlicht wurde - seit einer Zeit, als es in Boston noch keinen einzigen Backstein gab.“

          Der gemeinsame Gesang als Einheit der Erwählten

          Das erste englische, in Nordamerika gedruckte Buch war kein Nachdruck. Den Neuanfang jenseits des Ozeans markierte eine Neuübersetzung. In Alt-England hob Erzbischof Laud die Wichtigkeit ausgebildeter Chorsänger für eine würdige Liturgie hervor; er stand im Verdacht, er wolle den altkirchlichen Klerikalismus restaurieren.

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