https://www.faz.net/-gqz-119tv

Terrorismus : Wer schont die Mörder von Siegfried Buback?

  • -Aktualisiert am

Karlsruhe, 7. April 1977: Siegfried Buback und zwei Begleiter werden von der RAF ermordet Bild: dpa

Jetzt muss der Staat reagieren: Der Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts hat ein atemraubendes Buch geschrieben, das alle politisch Verantwortlichen herausfordert, den Mord an seinem Vater endlich zu klären.

          5 Min.

          Manche kennen Michael Buback aus dem Fernsehen. Er war bei Sabine Christiansen und sprach dort über seine Begegnung mit Jürgen Trittin. Ein anderes Mal traf er sich im NDR mit Peter Jürgen Boock. Der Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback war auch mal im niedersächsischen Landtagswahlkampf als Hochschulexperte von Christian Wulff unterwegs.

          Doch niemand, der diese Auftritte gesehen hat, ist auf die Sprengkraft dieses Buches vorbereitet. Es ist erschütternder als ein Krimi, denn es ist die glasklare, durch solide Quellen gestützte Beschreibung eines bis heute andauernden Staatsskandals. Mit einer irgendwie überemotionalisierten Verschwörungstheorie eines trauernden Sohnes hat dieses Werk nichts zu tun. Buback ist Naturwissenschaftler, er lehrt physikalische Chemie an der Universität Göttingen.

          Sein Buch ist das Protokoll einer Untersuchung. Seine Leitfrage ist, wer am Gründonnerstag 1977 seinen Vater und dessen Begleiter Georg Wurster und Wolfgang Göbel erschossen hat. Entdeckt hat er dabei nicht nur die mutmaßlichen Schützen, sondern vor allem einen einzigartigen Komplex von Ermittlungsdefiziten, die sich schlüssig nur durch die Hypothese eines behördlichen Schutzes der Hauptverdächtigen erklären lassen, ein Schutz, dessen Gründe im Dunklen liegen.

          Der Körper des Getöteten wird bedeckt

          Wie ein Bildungsroman

          Den unbefangenen Leser muss schon der Umstand erstaunen, dass der Mord nicht aufgeklärt ist. Er gehört längst zur bundesrepublikanischen Geschichte. Doch gerade weil der Fall für jedermann, außer den Angehörigen der Opfer, abgehakt ist, konnten sich jene juristischen Zwielichtigkeiten halten, die in diesem Buch beschrieben sind. Streckenweise meint man, ein Pamphlet aus der härtesten Sympathisantenszene zu lesen, und dann wünscht man fast, es wäre so, das hier Beschriebene ließe sich leicht abtun. Das geht aber nicht. Das Buch ist für Autor wie Leser ein Bildungsroman: Vom überzeugten Anhänger der Arbeit der Bundesanwaltschaft, die sein Vater geleitet hatte, entwickelt sich der Autor nach und nach und äußerst widerstrebend zum Skeptiker des Justizapparats. Alle paar Seiten „bricht ihm eine Welt zusammen“. Er lernt dazu – notgedrungen.

          Buback erfährt auf seiner Suche vielfältige Hilfe, auch von Zeugen, deren Aussagen von den Justizbehörden nicht in vollem Umfang gewürdigt worden waren. Einer hatte als Schüler, natürlich ohne es zunächst als solches erkennen zu können, das Motorrad der Terroristen gesehen und es beim Aussteigen aus dem Wagen seiner Eltern beinahe zu Fall gebracht. Das war am 6. April 1977 in Karlsruhe, direkt vor der Bundesanwaltschaft, Siegfried Buback stand mit seiner Frau auf dem Bürgersteig. Die Mörder kamen dann am nächsten Tag wieder und setzten ihr Vorhaben in die Tat um. Dieser „Zeuge vom Vortag“, wie er in dem Buch heißt, bringt Buback auf eine entscheidende Spur: Auf dem Soziussitz, von dem aus wahrscheinlich geschossen wurde, hat er eine schmächtige Gestalt erkannt, wie von einer Frau. Auch der direkte Zeuge des Attentats, ein Jugoslawe, der den Wagen neben dem des Generalbundesanwalts fuhr, sagt aus, er habe eine Frau zu erkennen geglaubt.

          Wo war die Frau geblieben?

          Nun kommt die Ehefrau von Michael Buback ins Spiel, Elisabeth. Sie führt, heute aus der Mode gekommen, aber im vorliegenden Fall höchst brisant, ein Zeitungsarchiv. Und dort sind Ausschnitte vom Tag nach der Tat aufbewahrt, in denen, auf Angaben der Karlsruher Polizei beruhend, von der möglichen Täterschaft einer Frau die Rede ist. So meldet es auch die „Tagesschau“ vom Abend der Tat. Doch schon am nächsten Tag ist in allen Medien einschließlich der „Tagesschau“ nur noch von drei männlichen Tätern die Rede. Dabei waren gar keine neuen Hinweise hinzugekommen.

          Die differenzierte, aber gut nachzuvollziehende Argumentation des Buches läuft darauf hinaus, dass Verena Becker in den engen Täterkreis rückt. Buback resümiert seine Erkenntnisse am Ende des Buchs: „Am Vortag der Morde wurde eine zierliche Frau in einer Bekleidung, wie sie auch bei der Tat benutzt wurde, auf dem Soziussitz des späteren Tatmotorrads gesehen, das ein recht großer Mann mit Bart lenkte. Auch am Tattag gab es Hinweise auf eine Frau auf dem Soziussitz. Eine zierliche Frau und ein großer Mann mit Bart wurden vier Wochen nach dem Attentat mit der Tatwaffe aufgegriffen. Sie hatten einen Suzuki-Schraubenzieher bei sich, wie er im Tatmotorrad fehlte. Beide Personen waren im Jemen bei der Vorbereitung der Tat dabei gewesen. (...) In BKA Unterlagen steht, dass Haarspuren in der Haarbürste von Verena Becker identisch seien mit der Haarspur in einem der Motorradhelme.“ Dennoch wurde gegen Verena Becker wegen des Mordes an Buback, Wurster und Göbel nicht einmal Anklage erhoben.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.