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100 Jahre Reich-Ranicki : Eine große Entdeckung

Eine der Zeichnungen von Teofila Reich-Ranicki aus dem „Satirischen Album“ über den Judenrat im Warschauer Getto. Bild: Jüdisches Historisches Institut Warschau

Im Warschauer Getto hatte Marcel Reich-Ranicki seine spätere Frau Teofila kennengelernt. Ihre Zeichnungen aus dieser Zeit sind erst spät wieder aufgetaucht. Sie hatte ein „Satirisches Album über die Tätigkeit des Judenrats“ angelegt.

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          Warschau ist die Stadt, in der Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofila prägende Erfahrungen gemacht haben. „Beinahe zwanzig Jahre habe ich hier unendlich viel erlebt und ertragen, gelitten und geliebt“, sollte der Literaturkritiker später darüber schreiben. 1938 wurde der damals Achtzehnjährige von den NS-Behörden aus Berlin zurück in sein Geburtsland Polen vertrieben; er ging nach Warschau, wo Eltern und Bruder lebten. Die gleichaltrige Teofila Langnas, so der Mädchenname seiner späteren Frau, kam dorthin, nachdem die deutschen Truppen Polen besetzt hatten. In Warschau lernten beide sich kennen und gerieten in die Mühlen des Gettos.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Teofila Langnas hatte in ihrer Heimatstadt Łódź vor dem Krieg eine Kunstschule besucht und im Getto, wo Marcel Reich-Ranicki als Übersetzer tätig war, weiter Zeichenunterricht gehabt und kleinere grafische Aufträge für den Judenrat, die den Besatzern unterstehende „Selbstverwaltung“, erledigt. Und sie hat das Schlimme festgehalten, das dort geschah: Der polnische Kunsthistoriker Piotr Rypson ist jetzt im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau auf ein kaum beachtetes „Satirisches Album über die Tätigkeit des Judenrats“ gestoßen, dessen Urheberschaft bisher unklar war. In einem Aufsatz, der gestern erschienen ist, ordnet er es Teofila Langnas zu, das „Album satyryczny“ wurde vom Institut auf das Jahr 1941 datiert. Es war mit dem Ringelblum-Archiv in der Erde vergraben worden und hatte so die Zerstörung des Gettos überdauert; viele Blätter sind beschädigt, doch das Album – Aquarelle, Zeichnungen in Tempera, zweimal auch Collagen auf Tonpapier – scheint weitgehend vollständig.

          Die 29 Zeichnungen behandeln die Abteilungen und Referate des Judenrats, wie auch jeweils im Album vermerkt wird. Dem „Obmann“ des Rats, Adam Czerniakow, ist ein farbenprächtiges Wappen gewidmet, in dem seine Initialen im leuchtenden jüdischen Hellblau (techelet) gehalten sind. Im „Generalsekretariat“ liefert eine stilisierte Brieftaube Sendungen an, die an die einzelnen Abteilungen im Rat adressiert sind; ein weiteres Blatt zeigt ebenfalls durch die Luft flatternde Briefe, während unter ihnen bereits ein Papierkorb wartet. Im „Brennstoffreferat“ ist ein offenbar frierender alter Jude mit Schal zu sehen; aus seiner Tasche ragt ein Stück Brot hervor. Darunter das bittere Motto, ursprünglich Titel eines polnischen Buches von 1938: „Heiße Herzen besiegen den Frost“.

          Eine andere Sorge der Getto-Bewohner war das Ungeziefer. Auf dem Blatt zum „Gesundheitsreferat“ ist eine überdimensionierte Laus zu sehen; ein Fußgänger tritt auf sie, doch zugleich empfängt er von oben den Faustschlag eines Beamten der polnischen Polizei des Generalgouvernements. Diese Polizei war unter anderem an der Bewachung der Getto-Ausgänge beteiligt. Eine weitere Zeichnung beschreibt symbolhaft den „Ordnungsdienst“, die dem Judenrat unterstehende Getto-Polizei: mittels Dienstinsignien, eines Gummiknüppels und einer offenen Hand, die Rypson als Anspielung auf das Schmiergeldwesen deutet, das im Getto wie auch außerhalb notorisch war.

          Besonders eindrücklich geraten ist die „Friedhofsabteilung“: Ein uniformierter Mitarbeiter der im Getto tätigen Bestattungsfirma Mordechaj Pinkert fährt mit seiner Rikscha einen Sarg vor sich her; ein kleiner Junge mit einer Spielzeugkanone schaut ihm lächelnd vom Bildrand aus zu. Dasselbe Motiv (ohne den Jungen) findet sich auch in zwei Publikationen mit anderen Arbeiten von Teofila Reich-Ranicki, die 1948 in Argentinien beziehungsweise 2000 in Deutschland erschienen; in beiden Fällen vermutet Rypson jedoch, dass sie erst nach dem Krieg entstanden. Die Bilder im „Satirischen Album“ sind zum Teil verschlüsselt; eines enthält sogar ein Bilderrätsel (Rebus), dessen Lösung auf den Hunger im Getto hinweist.

          Rypson, früher Direktor des Warschauer Nationalmuseums, nennt das Album ein seltenes und daher „wichtiges graphisches Dokument über das Getto“. Manches deute darauf hin, dass Teofila es für ihren damaligen Verlobten Marcel angefertigt habe; eine enthaltene „Kurve des Einflusses“ einzelner Mitglieder des Judenrats lege sogar dessen Mitwirkung nahe, meint Rypson: „Also ein Gemeinschaftswerk, eine Art gemeinsames Spiel, um durch Humor und Ironie zu der sie umgebenden Welt Distanz zu gewinnen?“

          Später konnte das seit 1942 verheiratete Paar aus dem Getto fliehen und wurde in Warschau von der vierköpfigen Familie Gawin in deren Zwei-Zimmer-Häuschen versteckt. Ende 1944 begannen beide ihre Arbeit beim neuen kommunistischen Geheimdienst Polens. Das ist wohl der Hauptgrund, warum Reich-Ranicki heute in Warschau auch Kritiker hat. Die vom Verein Polnischer Schriftsteller unterstützte Initiative, auf dem einstigen Grundstück der Gawins eine Gedenktafel zu Ehren der Retter und der Geretteten anzubringen, scheiterte im Mai an den heutigen Bewohnern, die allerdings technische Schwierigkeiten als Begründung anführten.

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