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Tellkamps „Turm“ : Ein Bürgertum ohne Politik?

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Dresdens Bezirk „Weisser Hirsch”, Schauplatz von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm” Bild: F.A.Z. - Christian Thiel

Uwe Tellkamps „Turm“ soll lesen, wer wissen will, wie es war in der späten DDR, heißt es. Eine verzögerte Lektüre im zwanzigsten Einheitsjahr aber macht deutlich: Es fehlt jeder Hinweis darauf, dass seine Helden je über politische Alternativen nachgedacht hätten.

          Warum ich Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ nicht sofort nach Erscheinen gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Jetzt hat mir ein literarisch gebildeter Freund die Lektüre dringend angeraten und mir gleich sein eigenes Taschenbuch-Exemplar in die Hand gedrückt. Also musste ich die nahezu tausend Seiten lesen. Aber nach einigen Seiten des Einlesens habe ich den Roman verschlungen. Ich bin kein Literaturexperte, wage aber doch zu sagen: erste deutsche Liga. Großes Thema, durchsichtig verschlungenes Handlungsnetz, spannende Geschichten und ein leichter, eleganter Stil, nicht so urtümlich kraftvoll-farbig wie der von Günter Grass, dafür rationaler. Tellkamp blättert die Möglichkeiten der Sprache auf wie ein geübter Skatspieler sein Blatt. Der Flügel eines Falters, heißt es an einer Stelle, ist nicht mittelgroß, sondern streichholzschachtelgroß. Tellkamp kennt die Prinzipien und weiß sie meisterlich zu handhaben. Die vielen Preise und positiven Rezensionen sind vollauf verdient.

          Diese Zeilen wollen aber kein weiteres Stimmchen im Chor der Lobredner sein, sondern eine Anfrage. Auf dem Umschlag des Buches steht ein Satz aus einer Rezension von Jens Bisky, selbst ein Kind der DDR: „Wenn in Zukunft einer wissen will, wie es denn wirklich gewesen ist in der späten DDR, sollte man ihm rasch und entschlossen den neuen Roman von Uwe Tellkamp in die Hand drücken: ,Nimm und lies'.“ Die Wahrheit über die DDR? Der Roman ist kein Geschichtswerk. „Die Handlung ist frei erfunden.“ Er ist ein Kunstwerk, ein Gemälde. Aber Kunstwerke haben ihre innere Wahrheit, und die zeigt manchmal mehr als eine scharfe Fotografie.

          Beschönigt wird nichts

          Die Wahrheit über die DDR? Als Westdeutscher neigt man dazu zu sagen: Natürlich, das Buch zeigt doch die DDR, die wir aus Westzeitungen kennen - grau, schmutzig, freudlos, kollektiver Zwang, immer wieder Versorgungsschwierigkeiten, absehbare Willkür, harte Strafen, Unfähigkeit zu investieren. Alles wird hier erzählt, wirklich alles. Manchmal mehr, als man wissen will. Jedenfalls, beschönigt wird nichts. Unangenehm das Leben in der späten DDR.

          Aber das wussten wir bereits. Daraus gewinnt der Roman auch nicht seine Spannung. Spannend wird er durch seine zentrale Frage: Wie wird sein Personal, sein Volk mit dem Ungemach fertig, das ihm die Politik bereitet? Eine Antwort kann man auch als Außenstehender schnell geben: Da das Ungemach politisch bedingt war, hängt der Umgang mit ihm von der Nähe zur politischen Klasse ab. Jetzt wird es kompliziert.

          Günstlinge des Systems

          Geographisch meint „Der Turm“ die Dresdner Villengegend bei Loschwitz oberhalb der Brücke „Das Blaue Wunder“. Dort leben Tellkamps Helden aus den Familien Hoffmann und Rohde, Ärzte, Techniker, Lektoren, mit Berufen so fein wie die Villen, in denen sie wohnen. Fast alle spielen ein Instrument oder können mittelhochdeutsche Gedichte aus dem Stand vortragen oder stundenlang über Opern reden, am liebsten über den „Tannhäuser“. Nur einer ist in der SED, aber der hätte sonst nicht Betriebsleiter werden können. Für alle gehören SED- Mitglieder und Parteifunktionäre grundsätzlich zu „den anderen“, die oft dumm und unfähig, manchmal aber auch einfach im Apparat gefangen sind. Eine klare bürgerliche Unterscheidung, so scheint es. Aber die Sache hat einen Haken.

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