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Tagebuch-Ausstellung : Schlechte Zeiten, gute Seiten

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Rechenschaft für die Nachwelt: aus dem Tagebuch Bruno Mansers Bild: Museum Strauhof

Man will beichten und auch wieder nicht, mancher verbrennt das Geschriebene dann doch wieder: Eine Zürcher Ausstellung widmet sich der Geschichte der Tagebücher.

          Die Kinder lockte sie mit Zuckerwerk. Da wurde auch der neunundachtzigjährige Menschenfresser richtig zutraulich. Der Maori-Häuptling in Neuseeland, bis hinter beide Ohren tätowiert, gestand der Abenteurerin offenherzig, schon so manchen Weißen gegessen zu haben, obwohl diese nicht halb so gut seien wie die Braunhäute, da ihr Fleisch zäh und geschmacklos sei. Nachzulesen sind diese verblüffenden Notizen im Tagebuch von Lina Bögli, das sie auf ihrer Weltreise zwischen 1892 und 1902 geführt hatte.

          Die erste Schweizer Reiseschriftstellerin, eine unerschrockene Person, setzte sich eines Tages kurzerhand aus ihrem freudlosen Schweizer Lehrerinnendasein ab und zog in die Welt. Dass die ausgebildete Erzieherin auch mit einem Häuptling fertig wurde, verwundert keinen Augenblick, wenn man das waghalsige Fräulein auf dem vergilbten Foto betrachtet: Hoch aufgerichtet, mit Stehkragen und Kopfputz, so kann man die Weltenbummlerin in der Glasvitrine im Zürcher Strauhof besichtigen. Das Museum erkundet mit der Literaturausstellung „Tagebücher - Das gespiegelte Ich“ das weite Feld der Diarien.

          Vom 17. Jahrhundert bis ins Internet

          Dabei wird nicht nur eine reiche Auswahl früher Zeugnisse aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert präsentiert, sondern auch Tagebücher aus den vergangenen beiden Jahrhunderten, wobei ein Seitenblick auf die aktuellste Form der Gattung nicht fehlt, die Weblogs. Ego-Dokumente im Internet sind der letzte Schrei, Rainald Goetz, der schon 1998 Tag für Tag sensibel die eigenen Gefühle erkundete und die Ergebnisse ins Internet stellte, war in Beziehung auf die Total-Mediatisierung des inszenierten Privatlebens ein Vorreiter. Und nicht nur Elfriede Jelinek unterhält heute eine eigene Internetseite.

          Der Schweizer Ethnologe ist 2000 in Malaysia verschlossen und 2005 für tot erklärt worden

          Die Kernfrage der Schau im Zürcher Strauhof wird dabei immer wieder aus anderen Blickwinkeln verhandelt: Was heißt Authentizität? Sind Selbstzeugnisse aufrichtig? Ist die Selbstbeobachtung objektiv? Verkrümmt die Aussicht auf spätere Publikation die Wahrnehmung des Schreibenden? Was geschieht, wenn bei der Veröffentlichung der ursprüngliche Text gekürzt, Namen anonymisiert und Unerhörtes eliminiert wird? Und warum führen so viele Schriftsteller in schlechten Zeiten ein Journal, während sie in guten Tagen darauf pfeifen?

          Dabei ist eigentlich jedes Tagebuch eine Fälschung

          Das selektive Schreiben führt zweifellos zu einem Selbstabdruck, der nur bestimmte Facetten der Identität vergrößert. Die Aussicht auf die Neugier potentieller Leser verführt zudem oft zu allerlei Schabernack. Fälschungen sind ein wichtiges Stichwort. Die Frage wird gleich im ersten Teil der Ausstellung geklärt, mit einem witzigen Ausschnitt aus „Schtonk!“, dieser Filmsatire auf die Veröffentlichung der angeblichen Hitler-Tagebücher im „Stern“ im Jahre 1983.

          Dass Selbstzensur und wechselnde Tagesform den Schreiber zu subjektiven Aussagen über die eigene Befindlichkeit treiben, ist den meisten Diaristen bewusst. Die Zürcher Ausstellung belegt dieses Problem anhand vieler Originalmanuskripte. André Gide, Henri-Frédéric Amiel, Arno Schmidt - sie alle waren sich der verfälschenden Wirkung der Versuchsanlage Tagebuch bewusst. Wolfgang Koeppen bringt das Problem auf den Punkt: „Gemessen an diesem Gut der ganzen, der ausführlichen Wahrheit, ist jedes Tagebuch eine Fälschung, ein unlauterer Geschäftsbericht oder, anders ausgedrückt, ein Ausschnitt, eine Wahl, ein frisierter Gedanke, Kunst.“

          Ins Feuer damit!

          Kein Wunder, dass die Vernichtung des heimlich Notierten den Kontrapunkt zur ungesicherten Wahrheit liefert. Ziel der Zerstörungsaktionen ist fast immer die Befreiung von lästigen Erinnerungen und überlebten Geschichten. Was heutzutage mit der Delete-Taste erledigt wird, verlangte früher langwierige Vorbereitungen. Intime Schreibhefte werden meistens verbrannt. „Einmal wurde alles Geschriebene zusammengeschnürt, inbegriffen die Tagebücher, und alles dem Feuer übergeben“, notiert Max Frisch. Zweimal muss er in den Wald hinaufgehen, so viele Bündel gibt es, und es war ein regnerischer Tag. Er braucht eine ganze Schachtel Zündhölzer, bis sich das Gefühl der Erleichterung und der Leere einstellt.

          Brigitte Reimann verbrennt auf einmal wohl zwanzig Tagebücher aus den Jahren 1947 bis 1953 und schickt dann kurzentschlossen auch die Aufzeichnungen aus den Jahren 1953/54 hinterher: „Überspannte Liebesgeschichten - weg damit!“, auch wenn es ihr nach der Zerstörungswut leidtut. Berühmt das Geständnis Thomas Manns gegenüber seinem Jugendfreund Otto Grautoff im Februar 1896: „Übrigens: Ich habe es dieser Tage bei mir ganz besonders warm. Ich verbrenne nämlich sämtliche Tagebücher. Es wurde mir peinlich und unbequem, eine solche Masse von geheimen - sehr geheimen - Schriften liegen zu haben.“

          „Dieses ,böse' Tagebuch - böse gegen mich und gegen andere“

          Wer nicht vernichtet, verhindert mit einer Verfügung gerne die Veröffentlichung vor der Zeit. Tagebücher sind ein Fall von Exhibitionismus und Voyeurismus. Das wissen die Schreiber, damit spielen sie. Einerseits verlangt die schriftliche Selbstvergewisserung kalte Ehrlichkeit, andererseits bedeutete jedes unerlaubte Lesen einen schweren Eingriff in das Privatleben und einen unerlaubten Einbruch in die Intimsphäre der Schreibenden. Elias Canetti ist so ein Fall. Seine Tagebücher, so verfügte er, dürfen erst dreißig Jahre nach seinem Tod gelesen und eventuell nur zum Teil veröffentlicht werden. Er wusste gewiss, was er tat: „Dieses ,böse' Tagebuch - böse gegen mich und gegen andere - das muss absolut geheim bleiben.“

          Der Wunsch nach Geheimhaltung ist in den meisten Fällen ambivalent. Die Forderung nach Diskretion und die narzisstische Lust an triumphierender Selbstentblößung halten sich dabei fröhlich die Waage. Wie denn sonst wäre es zu erklären, dass zwar manche peniblen Journalschreiber lauthals Stillschweigen fordern, aber lustvoll in intimsten Offenbarungen schwelgen und erotische Erlebnisse mit ausgesprochener Liebe zum Detail schildern? Wie sonst wäre die oft geäußerte Forderung zu verstehen, dass kein Mensch je Einblick in die schriftlichen Geständnisse nehmen dürfe - wobei gleichzeitig nicht im Traum daran gedacht wird, die inkriminierten Blätter zu vernichten? Tagebücher sind eben auch Schauplätze erotischer Indiskretionen.

          Die Zürcher Literaturausstellung kommt diesem Umstand amüsanterweise mit der Installation eines mit weinrotem Brokat ausgeschlagenen Beichthäuschens entgegen. Da kann man sich dann in aller Ruhe hinter das Plastikvorhängchen zurückziehen und per Kopfhörer den Geständnissen heimlicher Ausschweifungen lauschen. Manche Schriftsteller plaudern ihre erotischen Verwirrungen so offenherzig aus, dass man unfreiwillig zum Komplizen wird und nicht weiter erstaunt wäre, zur Strafe gleich noch das eine oder andere „Vaterunser“ oder „Gegrüßt seist du, Maria“ aufgebrummt zu bekommen.

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